Kein Sicherheitsrabatt für CO2-Speicher
www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 30. July 2010

Wie die Autokonzerne Ihre Verbrauchswerte schönen

In der Wirklichkeit des Straßenverkehrs schlucken Fahrzeuge bis zu 30 Prozent mehr als die Hersteller angeben. Und die Kluft wächst, die Hersteller tricksen bei den genormten Tests. Für die Autofahrer kommen je nach gefahrener Strecke im Jahr bis zu 1000 Euro Mehrkosten zusammen.

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von Gerd Rosenkranz

Rüdiger Schulte ist ein Sonderling. Der 56-Jahrige ist Auto- und Öko-Freak in einer Person. Ergebnis: Er fährt auch in der Metropole Berlin regelmäßig Auto – einen ”Smart for two” mit 34 PS und, nach Angaben des Daimler-Konzerns, einem Verbrauch im kombinierten Testzyklus von 4,8 Litern pro 100 km. Obwohl Schulte das spritsparende Fahren geradezu zelebriert, schluckt sein Zweisitzer selten unter 6 Liter. Schulte ist sauer und fühlt sich hintergangen. Inzwischen weis er, dass er mit seinem Frust nicht allein ist.

Hunderttausenden Autofahrern geht es mit anderen Herstellern genauso. Immer wieder müssen sie enttäuscht feststellen, dass die offiziellen Werte Phantasieangaben sind. Die Betroffenen spuren es an der Tankstelle. Seit sechs Jahren können sie es auch beim ADAC nachlesen. Regelmäßig führt der Autoclub eigene ”wirklichkeitsnahe” Testzyklen durch. Da wird auch die Klimaanlage angeschaltet und schon mal auf der Autobahn ordentlich durchgezogen. Die Verbrauchswerte liegen, von wenigen Fahrzeugen abgesehen, regelmäßig um 10, 20 oder auch mehr als 30 Prozent über den offiziellen Angaben, die nach dem so genannten neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) auf den Rollenprüfstanden der Autokonzerne ermittelt werden.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat die Datensatze der Hersteller und der ADAC-Tests systematisch abgeglichen (s. Grafik). ”Es gab in den letzten Jahren eine wachsende Kluft zwischen Herstellerangaben und realen Verbrauchen”, klagt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Die Verbrauchertäuschung addiere sich für den Autofahrer je nach gefahrenen Kilometern leicht auf 500 bis 1.000 Euro pro Jahr. Bei ihren Recherchen trafen die Umweltaktivisten auf ausgeklügelte Tricks, mit denen die Hersteller zu ihren Gunsten schonen. Auf die Rolle kommen Fahrzeuge mit extrem niedrigem Rollwiderstand, der über extreme Leichtlaufreifen, hohe Reifendrucke, Leichtlauföle und die Stilllegung von Stromverbrauchern wie der Klimaanlage erreicht wird.

Manche Spritspartricks bewegen sich am Rande der Legalitat, weshalb sich die Hersteller auf Anfragen zugeknöpft geben. So erfuhren Resch und seine Kollegen bei deutschen und ausländischen Herstellern nur in informellen Gesprächen von abgeklemmten Lichtmaschinen oder einer ”intelligenten” Fahrzeugelektronik, die erkennt, wenn das Auto den genormten Testzyklus durchläuft und dann automatisch auf magere Motorsteuerung umschaltet.

Weil alle Hersteller mogeln, blieb das Thema bisher unter der Decke. Das will die DUH jetzt andern. ”Es ist skandalös, dass weder EU noch Bundesregierung auf die systematische Verbrauchertäuschung reagieren. Wir brauchen dringend staatlich überwachte, unabhängige Tests an stinknormalen Fahrzeugen”, fordert Resch.

Spätestens wenn sich die Kfz-Steuer ab Juli diesen Jahres auch am CO2-Ausstos orientiert, haben die geschonten Normverbrauche nicht nur böse Folgen für die Portemonnaies der Autohalter, sondern auch für den Etat von Finanzminister Peer Steinbruck. Und wenn die EU in wenigen Jahren, wie im Brüsseler Klimapaket beschlossen, Strafabgaben für Autohersteller einfordert, deren Neuwagenflotten die geforderten CO2- Grenzwerte brechen, werden unabhängig ermittelte und realitätsnahe Verbrauchswerte geradezu ein Muss.

Noch eine andere leidige Diskussion wird in Deutschland dann wohl erneut losbrechen: die ums Tempolimit. Denn solange die nationale Raserei nicht gebremst wird, bleibt der genormte EU-Zyklus, der bei 120 km/h endet, hierzulande ein realitätsuntaugliches Konstrukt.

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