www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 30. July 2010

Rückgang der Arten

Nichts ist so großartig wie die Vielfalt der Natur. Doch noch nie hat die Natur so unter dem Menschen gelitten wie heute. Bis 2010 soll der dramatische Verlust im weiten Netz des Lebens abgebremst werden.

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von Marcus Franken und Manfred Kriener

Seit Tagen war der Regen überfällig. Jetzt klatschen bohnendicke Tropfen wie Trommelfeuer in die Lagunen im Urwald von Imuya. 

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Der Dschungel versteckt sich hinter einer Mauer aus Wasser. Als die Schauer versiegen, schwebt warmer Nebel über schwarzem Grund. Zwei rosa Flussdelphine tauchen auf und prusten ihre Atemluft in die Stille.

Es sind Bilder wie aus dem ersten Buch der Schöpfung. Die Zeit scheint still zu stehen. Hier, im Regenwald von Ecuador, verschlafen Kaimane den Tag unter den Büschen, und in den Ästen krallen sich Dreizehen-Faultiere fest, die so faul sind, dass ihr Fell metallisch schimmerndes Moos angesetzt hat. Das Schutzgebiet von Cuyabeno ist gerade mal doppelt so groß wie das Herzogtum Luxemburg, aber hier gibt es fast 500 Vogelarten. Auf einem einzigen Hektar finden sich 450 verschiedene Bäume – in ganz Bayern sind ursprünglich nur zehn Arten heimisch. Und auf derselben Fläche leben 40.000 Insektenarten. Unter Wasser
tummeln sich abenteuerliche Tiere wie der bis zu vier Meter lange Arapaima. Wenn die Seen nach der Regenzeit trocken fallen, rollt sich der längste Süßwasserfisch der Welt im Schlamm ein und fällt für Wochen in eine Art Trockenschlaf – fast wie die Bären im Winter.

Zu den Lagunen von Imuya kommen die Indianer nur um zu fischen und Heilmittel zu beschaffen: Pflanzen mit unaussprechlichen Namen gegen Muskelschmerzen und Zahnweh. Oder wegen des Chuchuco, einem kleinen Nasenbären mit gestreiftem Schwanz. »Wenn man das Tierchen lange kocht und den Sud trinkt, werden alte Männer wieder so potent wie mit 20 Jahren «, sagt Nelson Tongos vom Stamm der Quichuas und lacht wie einer, der Bescheid weiß: »Bei uns«, sagt er, »läuft Viagra noch frei im Wald herum.«

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Der Regenwald Südamerikas, die Riffe der Tropen, die Inseln der Karibik, die Küsten Neuguineas: Nirgendwo gibt es so viele Naturwunder auf so engem Raum wie in diesen »Hot Spots« der Biodiversität. Und nirgendwo ist der Verlust dieser Vielfalt so dramatisch: In Lateinamerika, im tropischen Afrika und in Südostasien werden offiziellen Schätzungen zufolge jedes Jahr acht Millionen Hektar Wald abgeholzt – etwa die Fläche Österreichs. War die Erde einst zur Hälfte von Wäldern bedeckt, ist es heute nur noch ein Drittel. Die Fläche der unberührten Urwälder ist sogar auf ein Zehntel geschrumpft. »In den vergangenen 50 Jahren haben die Menschen die Ökosysteme schneller und gründlicher verändert als jemals zuvor in der Geschichte«, stellen UN-Experten fest. Dabei hatten die Staaten der Welt sich schon 1992 auf dem Umweltgipfel von Rio de Janeiro zum Erhalt der Artenvielfalt verpflichtet. Das dort auf den Weg gebrachte Abkommen (Convention on Biological Diversity, CBD) ist für den Schutz der belebten Welt, was Kyoto für das Klima ist. Klima und Artenvielfalt haben formal den gleichen Rang – und hängen auch inhaltlich eng zusammen.

Denn nur solange sich die Klimaveränderungen im Rahmen einiger Zehntelgrade halten, können Tiere und Pflanzen sich anpassen – indem sie ihren Lebensraum verlagern: Amseln, Finken und Feldlerchen ziehen dann nicht mehr in ihre Winterquartiere. Borstenwurm, Hummer und Auster kommen aus den warmen Meeren und erobern die Nord- und Ostsee.

Doch diese Verlagerung hat Grenzen. Das zeigt sich besonders deutlich in den Alpen, wo Tiere und Pflanzen mit steigenden Temperaturen nicht Richtung Nord- oder Südpol ziehen, sondern in höhere Lagen ausweichen. Da hier aber bald die Gipfel erreicht sind, nehmen die Lebensräume von Kaltwasserfischen wie der Bachforelle oder der Äsche ab und auch Schneefinken, Bergpieper oder das Alpenschneehuhn werden in Zukunft kaum noch einen Platz zum Brüten finden. So schnell, wie sich die Lebensräume verändern, wachsen die Alpen nicht in den Himmel, und so schnell entstehen auch keine neuen, angepassten Arten. So was dauert Jahrtausende.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema – in der aktuellen Ausgabe der zeo2…




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