www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 30. July 2010

Der Hype ums Kuscheltier

Das weiche Fell der Eisbärchen lässt unsere Rettungsphantasien wild ins Kraut schießen.
Ein Zwischenruf zur anhaltenden Begeisterung um Knut, Flocke und Co., die vom
Wesentlichen ablenkt. Ein Kommentar von Klaus Hartung.

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Klaus Hartung war viele Jahre Redakteur der »Zeit« und zuvor einer der Köpfe der Berliner Tageszeitung »taz«.Klaus Hartung war viele Jahre Redakteur der »Zeit« und zuvor einer der Köpfe der Berliner Tageszeitung »taz«.
Engagement für die Umwelt, wachsende Sensibilität für die Natur, global orientierte Sorge für das Weltklima – solche Eigenschaften darf sich der normale gute Deutsche durchaus zuschreiben. Wenn wir auch die staatlichen Maßnahmekataloge und Gesetzesinstrumentarien prinzipiell für unzureichend halten, sieht die ethische Bilanz doch gut aus und stimmt hoffnungsfroh. Hier sind die Werte, die in der Wertedebatte vergebens eingeklagt werden. Wer hätte vor 20, 30 Jahren geglaubt, dass sich die Weltgesellschaft auf eine Abregelung der Industrieproduktion einlässt? Wenn die USA dann noch unter einer neuen Administration das Kyoto-Protokoll unterschreiben, sind wir schon ein Stück weiter. Wir sind einverstanden, dass das Umweltministerium immer neue Verbote produziert. Wir sind moralisch bewusste Konsumenten und erwarten glückliche Hühner, biologischen Anbau und Fair Trade auf unseren Tischen. Was uns zum Gut sein treibt, ist unser sich ständig erweiterndes Weltbild apokalyptischer Szenarien. Die Spannung zwischen gut sein wollen und drohender Apokalypse hat sich derart verschärft, dass es längst nicht mehr um Lösung, sondern um Erlösung geht.

Und hier kommt Knut ins Spiel. Gut sein braucht auch das real Gute. Das erlösende, fassbare, streichelbare Gute. Klein, flauschig, unschuldig weiß und verbunden mit einem Pfleger, der seine Zärtlichkeit aufteilt zwischen Ehefrau und Eisbärenbaby – ein Welterfolg von der Titelseite der New York Times bis hin zur geduldig wartenden Menschenschlange – ein Erfolg, der sich nur mit Marienwundern in irgendwelchen Grotten vergleichen lässt. Was die bloße Niedlichkeit mit ihren Auslösereizen zum Hype werden lässt, ist die Tatsache, dass in Knut und Konsorten unsere Rettungsphantasien verkörpert werden. Denn hinter dem glücklichen kleinen Eisbären taucht immer das Katastrophenbild vom letzten Eisbären auf der letzten Eisscholle in den erhitzten Weltmeeren auf. Angesichts dieser apokalyptischen Vision bietet Knut dem unruhigen Gemüt eine greifbare, flauschige Erlösung an. Man könnte hier von einer Verknutung der Erlösungswünsche reden – einerbesonderen Form von Ökokitsch, die auch einen Umweltminister animiert, den kleinen Eisbären zu knutschen.

Kein bisschen kuschelig: Erwachsene Eisbären sind eindrucksvolle Raubtiere. Die Männchen können bis zu zwölf Zentner schwer und in aufgerichteter Haltung bis zu drei Meter groß werden. Und sie haben ein erstaunlich struppiges Fell. »Nanuuk«, den großen Jäger, nennen die Inuit voller Respekt den Eisbären - Bild: digitalstock.comKein bisschen kuschelig: Erwachsene Eisbären sind eindrucksvolle Raubtiere. Die Männchen können bis zu zwölf Zentner schwer und in aufgerichteter Haltung bis zu drei Meter groß werden. Und sie haben ein erstaunlich struppiges Fell. »Nanuuk«, den großen Jäger, nennen die Inuit voller Respekt den Eisbären - Bild: digitalstock.com
Nichts gegen Kitsch, nichts gegen das offenbar unbefriedigte Zärtlichkeitsbedürfnis von Medien, Politikern, Kindern und Tanten. Dass Menschen gut sein wollen und dann auch das real Gute beschwören, ist verständlich, das hat es immer gegeben. Nichts ist dagegen einzuwenden, wenn wir auf dem Biotrip sind, unsere Kohlendioxidbilanz kontrollieren und erneuerbare Energien favorisieren – das schadet ja nicht. Nur, es gibt da diesen einen Verdacht: Ist das nicht ein geschlossenes ethisches System? Frisst unser Gut sein, unsere Verknutung der Erlösung womöglich unsere moralischen Ressourcen auf? Sind diese Ressourcen möglicherweise begrenzt? Wird nicht unsere Sensibilität gegenüber der bedrohten Natur mit Blindheit gegenüber anderen Zusammenhängen erkauft? Herrscht nicht bei uns eine höchst bedenkliche Asymmetrie in der Verteilung ethischer Energien?

Mag unser Gut sein, unsere persönliche Ökobilanz gut aussehen, so leben wir in einer Gesellschaft, die um fast jeden Preis auf Wachstum angelegt ist. Unser aufwändiges Sozialsystem verlangt Wachstum und es ist klar, dass Wirtschaftswachstum per se die größte Umweltbedrohung ist, auch wenn unsere Autos wunderbare Filter haben. Nichts dagegen, wenn unsere Politiker Knut knutschen, aber sehr viel dagegen, wenn die Verknutung des Ökobewusstseins es erlaubt, dass kein Politiker, kein politisches Programm, keine Partei den Wachstumszwang unserer Gesellschaft in Frage stellt. Wir haben es beim Hartz IV- Programm erlebt, zu welchen politischen Erdbeben ein solcher Eingriff ins Sozialsystem führt. Diese Lektion zeigt: Eine geringe Absenkung unseres Lebensstandards würde von allen, auch von allen Gut-Deutschen, als eine viel größere Katastrophe als alle Umweltkatastrophen zusammen empfunden werden. Der letzte Eisbär auf der letzten Scholle wäre uns dann herzlich egal.

Und wenn wir global denken: Die Umweltkatastrophe Nummer eins ist die Tatsache, dass es zu viele Menschen gibt. Die Klimaangst gründet auf der Hypothese, dass die Erderwärmung menschengemacht ist. Aber das Ansteigen des Meeresspiegels und das Abschmelzen der Gletscher sind ja für sich genommen noch keine Katastrophe. Die Erd- und Menschheitsgeschichte kennt viel gravierendere Veränderungen. Katastrophal ist das Soziale, die Gefährdung von Menschen. Es gibt zu viele Menschen dort, wo die Überlebensbedingungen gefährdet sind. Hier kommt die Natur ins Spiel, nicht die kuschelige Natur, sondern die kalte, gnadenlose Natur. Die natürliche Antwort wäre Genozid und globaler Überlebenskampf, um das Gleichgewicht herzustellen. Sofern wir Menschen sind, müssen wir diese Antwort verhindern. Hier genau beginnt die Ratlosigkeit. Vielleicht ist die ökologische Frage das Hilfsinstrument, um eine globale Ethik und ein soziales Zusammenrücken zu erleichtern. Sicher ist jedenfalls, dass die Verknutung unseres ökologischen Bewusstseins die wahre Dramatik ausblendet. Wenn wir bereit sind, unsere ethischen Energien und unsere moralische Sensibilität auf diese sozialen Überlebensfragen der Menschheit zu konzentrieren, dann – um Gottes Willen – kein Wort gegen den Wunsch, sich in der Streichelschlange vor dem Knut-Gehege anzustellen

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