Die Nachricht: In den USA beten Menschen angesichts heftig gestiegener Ölpreise öffentlich um billiges Benzin. Gott sei der Einzige, an den man sich in dieser ernsten Lage wenden könne, da selbst die Führer der Nation hilflos seien. “Prayer at the pump” nennt sich die Zeremonie, die sich in der Kathedrale namens Tankstelle, direkt am Altar der Zapfsäule, vollzieht. Initiator der Fürbitten ist der 59-jährige Leiter eines Kirchenchors, Rocky Twyman, der viele Unterstützer gefunden hat. Das Gebet der Verzweifelten besteht aus einem Satz: “Gott erlöse uns von den hohen Benzinpreisen!”
Gottes Antwort: Verehrte Gläubige, liebe Gotteskinder. Vielen Dank für Ihre freundlichen Gebete, über die ich mich gefreut habe. Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich mit großer Empathie Anteil nehme. Es ist mir schmerzlich bewusst, dass Benzinpreise ein ökonomisches Problem werden können in einem Land ohne vernünftiges Schienennetz und öffentlichen Nahverkehr. Sicher ist es verschärfend, wenn man dann noch einen Pickup oder SUV fährt, der mal eben 20 Liter auf 100 Kilometern verbrennt. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass sich hier primär das Versagen Ihres Bildungssystems manifestiert. Ihnen hat einfach keiner beigebracht, dass der Sprit eines Tages teurer wird, weil immer weniger Öl übrig ist – und selbst der gerechteste Krieg in dieser Sache irgendwann nichts mehr nützt.
Was nun, liebe Schäflein, Ihr Mittel des Betens um billiges Benzin angeht, so stellt sich zunächst die Frage, welchen Gott Sie genau anrufen. Chavez doch wohl nicht, oder? Den Gott der Saudis? Kleiner Sicherheitshinweis: Bei diesem Kollegen von mir dürfte es sich um einen Andersgläubigen handeln. Oder wähnen Sie sich in der Antike, als es noch Zuständigkeitsbereiche für Götter gab? Hätten die alten Griechen schon den Verbrennungsmotor gehabt, so hätte es sicher neben dem Gott der Schönheit (“Adonis”) und dem des Lichts (“Apollon”) auch einen Gott des Benzins (“Aral”) gegeben.
Oder, liebe Betende an der Zapfsäule, soll der Hintergrund Ihrer Fürbitte die unausgesprochene Kritik an meiner Schöpfung sein, die fossilen Vorräte nicht in unerschöpflichem Ausmaß zur Verfügung gestellt zu haben? Stören Sie sich womöglich daran, dass mein und damit Ihr Planet das fortgesetzte Verbrennen fossiler Stoffe nicht verkraftet? Liebe Betende, ich bitte Sie herzlich um Verständnis. Sie merken, ich werde bei diesem Thema etwas moralisch. Aber dafür ist man als Gott ja auch da.
Was nun Ihr sehnliches Flehen anbelangt: Selbstverständlich unterstütze ich Ihre Wünsche nach Fahrradwegen, Nahverkehrsnetzen, Plug-In-Hybrids und Elektroautos. Aber wahrlich, ich sagen Ihnen: Eher kommt ein Reicher durch ein Nadelöhr, als ein Kamel durch mich zu billigem Benzin.
Mit herzlichen Grüßen, Ihr Gott.
