Die Mienen waren ernst. Und die an die Wand geworfenen Kurven züngelten eindrucksvoll nach oben. Als die Wissenschaftler des »Global Carbon Project« (GCP) – eine Art Kohlendioxid-Überwachungsinstitut – Ende September in Paris die neuesten Zahlen zum Zustand der Erdatmosphäre veröffentlichten, hatten sie reichlich Superlative im Gepäck. Mit jetzt 383 ppm ist der Gehalt der erderwärmenden CO2-Fracht im Schutzmantel der Erde noch schneller angestiegen als befürchtet. Die Entwicklung schrammt direkt an den Worst-Case-Szenarien des Weltklimarats entlang. »Die gegenwärtige Konzentration von Kohlendioxid ist die höchste der letzten 650.000, vermutlich sogar der letzten 20 Millionen Jahre«, heißt es im neuen GCP-Bericht.
Beinahe ängstlich präsentierten die Klimastatistiker in Paris eine andere Zahl von historischer Dimension. Sie betrifft China, die neue Großmacht, die niemand demonstrativ an den Pranger stellen will. Alle wissen, man wird das Reich der Mitte und seinen Goodwill dringend brauchen. Aber die Fakten sind eindeutig: China ist jetzt mit 1,8 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, das entspricht 6,6 Milliarden Tonnen CO2, der weltweit größte Klimaschädling. Mit einem Vorsprung von acht Prozent haben 1,3 Milliarden Chinesen 300 Millionen US-Amerikaner deutlich hinter sich gelassen. Fast ein Viertel des weltweiten fossilen Ausstoßes kam 2007 allein aus China, das doppelt soviel CO2 in die Atmosphäre blies wie noch 1990 und für 60 Prozent des weltweiten Emissionszuwachses verantwortlich ist. Schon im Vorjahr hatten niederländische Wissenschaftler vermutet, dass in der Nationen-Wertung ein epochaler Überholvorgang stattfindet. Jetzt ist er amtlich bestätigt und mit den Energiebilanzen der UNO seriös unterlegt. China ist neuer CO2-Weltmeister, Indien auf Platz drei vorgerückt, gleichauf mit Russland.
Damit stoßen die Entwicklungs- und Schwellenländer jetzt zusammen mehr Kohlendioxid aus als die Industrienationen, die Welt steht kopf. Und die alte Formel, wonach ein Viertel der Menschen in Wohlstand lebt und drei Viertel des Energieverbrauchs – inklusive Emissionen – für sich reklamiert, ist endgültig Geschichte. Die Underdogs wollen Jahr für Jahr größere Stücke vom Kuchen – und verschärfen so die Krise der Biosphäre. Als weltweit größter CO2-Produzent rückt China noch stärker in den Fokus der globalen Klimapolitik. »Wie es China geht, so geht es der Erde«, titelte die New York Times. Schon überbieten sich Wissenschaftler mit rabenschwarzen Zukunftsszenarien. Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur, rechnete in Berlin den Mitgliedern der Grünen vor, dass sämtliche Anstrengungen der EU verpuffen werden, wenn es nicht gelinge, die Emissionskurve Chinas zu brechen.
Sollten die 27 EU-Länder es tatsächlich schaffen, bis 2020, wie anvisiert, 20 oder sogar 30 Prozent ihrer Emissionen einzusparen, dann, so Birol, werde China diesen mühsamen Erfolg in einem einzigen Jahr durch seinen zusätzlichen Ausstoß komplett zunichte machen. Noch anschaulicher formuliert es US-Energieexperte Richard Richels: Selbst wenn die westlichen Industrienationen sämtliche Kraftwerke und Autos auf einen Schlag stilllegen, würde die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre durch die Abgase der übrigen Länder bis 2040 dennoch die katastrophale Marke von 450 ppm erreichen – sofern sie von ihrem eingeschlagenen Entwicklungspfad nicht abgehen. Allein China könnte 2030 doppelt soviel CO2 ausstoßen, wie alle alten Industrienationen zusammen.
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