Zwei
Frauen, zwei Meinungen über das Leben im Pekinger Smog und Verkehrschaos. Liu Hongying, 42 Jahre, trägt einen schwarzen körperbetonten Top über Jeans unter dunkelrotem Rock. Sie ist erfolgreiche Modedesignerin, hat landesweit 20 eigene Läden und kommt viel in der Welt herum. Sie findet Peking nicht schlimmer als andere Riesenstädte Asiens oder Europas: »Peking ist nicht so dreckig, wie man im Westen behauptet, die Stadt wird Tag für Tag sauberer«, sagt Liu. Qiu Yihong, 43 Jahre, widerspricht. Sie trägt eine hellgrün geblümte Bluse über einer einfachen schwarzen Stoffhose. Sie arbeitet als Lektorin in einem Pekinger Verlag und fährt jeden Tag von ihrer neuen Eigentumswohnung in der Vorstadt ins Citybüro. Qiu schimpft über die immer schlimmer werdende Verkehrslage. »Ich brauche drei Stunden zur Arbeit und zurück, stecke täglich stundenlang mit dem Bus im Stau. Die Menschenmassen machen mich schwindelig, es ist unerträglich«, klagt Qiu. Beide Frauen sind umweltbewusste Typen. Liu fährt mit dem Fahrrad, wenn sie kann – um abzunehmen, aber auch um die schlechte Pekinger Luft nicht weiter zu belasten. Qiu hat in ihrer Wohnung viele Bücher über die Umwelt im Regal stehen. Nur: Wer von ihnen hat eigentlich recht?
Die Ökohölle ist weit weg
Wohlmöglich beide. Liu zählt zur neuen Hauptstadtelite. Sie bewegt sich zwischen ihrem chicen Designerladen, aufwendig gestylten Restaurants und einem modernen Fitnessstudio. Das Meiste geht per Fahrrad. Verschwunden sind die vielen Müllhaufen, die sie aus ihrer Jugendzeit in Erinnerung hat. »Heute sieht man noch eine fliegende Plastiktüte und weggeschmissene Essensreste«, sagt Liu. Sie zeigt ihre phantasievoll eingerichtete Innenstadtwohnung mit spanischem Sofa und indischen Bettbezügen. Jedes Zimmer ist voller Pflanzen, »wie im Dschungel«, sagt Liu. Sie hat sich ihr grünes Peking in den eigenen vier Wänden geschaffen.
Die Ökohölle China mit ihrem schwarzen Kohlehimmel ist Lichtjahre entfernt. Qiu lebt in einem anderen, jungen Peking, weit weg vom Kaiserpalast, zwischen dem fünften und sechsten Autobahnring, das sind riesige Verkehrsadern, die in den letzten Jahren komplett neu um die Hauptstadt gelegt wurden. Hierhin, in den Bezirk Xierqi, fährt auch die S-Bahn, die erste ihrer Art in der Hauptstadt. Aber Qiu resigniert: Selbst wenn es noch 20 neue S- oder U-Bahnlinien gäbe, wäre das Verkehrschaos nicht besser. Die Pekinger Stadtplanung sei eine einzige Katastrophe. Außer Wohnen und Schlafen müsse sie alles in der Stadt erledigen, dort einkaufen, zum Arzt gehen. Die Uni, an der ihr Mann unterrichtet, die Schule, die ihr Sohn besucht – alles sei weit weg in einem ganz anderen Peking. Ständig sei sie unterwegs, »total nervig«, sagt Qiu. Sie wohnt in einer modernen Hochhauswohnung mit weißen Wänden und vielen Büchern. Sie sagt, sie liebe das einfache Leben, aber sie finde es nicht mehr. Entscheidet also das Portemonnaie, wie ökologisch es sich in Peking leben lässt? Nicht nur. Erst einmal hat sich für alle Grundsätzliches verbessert.
Die Kohlerikschas sind verschwunden
Zum Beispiel die Energieversorgung. Noch vor zehn Jahren war Peking eine Kohlestadt. Im Winter zogen Tausende kleiner Lastfahrräder mit Kohlebriketts durch die Gassen. Sie belieferten jedes Haus. Die Kohlerikschas sind alle verschwunden. Noch vor zehn Jahren musste das Fahrrad nur eine Nacht draußen stehen – dann hatte sich am nächsten Morgen eine schwarze Kohlestaubschicht auf den Sattel gesetzt – und für schwarze Hintern gesorgt. Heute bezieht Peking 78 Prozent seiner Energieversorgung aus saubereren Energiequellen wie Erdgas, ein Teil sogar aus Solar- und Geothermalenergie. So hatte es die Regierung zu den Olympischen Spielen versprochen, und sie hat dieses Versprechen gehalten. Wer allerdings dachte, dass mit dem Teilrückzug der Kohle der schwarze Himmel über Peking blau werden könnte, ist dennoch enttäuscht. Heute ist der Himmel eher gelborange. Schuld ist der Verkehrssmog. Nur 300.000 Autos fuhren vor zehn Jahren durch die chinesische Hauptstadt, meist waren es Dienstwagen der Marken Audi und VW. Zum Olympia-Start aber zählt Peking bereits 3,3 Millionen PKW aller Marken von Porsche bis Peugeot.
Die Zahl der Autos hat sich also in zehn Jahren verelffacht – und jeden Tag kommen weitere 1.500 Neuzulassungen in der Hauptstadt dazu. China ist inzwischen der zweitgrößte Automarkt der Welt und hat Japan überholt. Das sorgt nicht nur für Staus, sondern auch für permanenten Smog. Dennoch behauptet die Stadtregierung, die Luftqualität habe sich deutlich verbessert. Man kann das anhand offizieller Messwerte nachvollziehen, die in den sechs Jahren von 2000 bis 2006 eine Reduktion des jährlichen Ausstoßes von Schwefelverbindungen, Stickoxiden und Kohlenmonoxid um 26, 13 und 8 Prozent signalisieren – bei einem gleichzeitigen Wirtschaftswachstum von 44,2 Prozent ist das eine nicht zu unterschätzende umweltpoltische Leistung.
Olympia schärft das Umweltbewußtsein – zumindest das
Als Gründe für den reduzierten Gestank und Gasausstoß werden die Schließung und Renovierung von 147 Fabriken in Peking genannt, striktere Abgasnormen für Autos und die Abkehr von der Kohle. Doch all das kann für die Pekinger noch lange nicht den Eindruck einer ständigen, massiven Luftverschmutzung beseitigen. »Die Luft ist nicht mehr so staubig wie früher, aber dafür gibt es die vielen Autos. Man weiß nicht, ob die Luft heute besser oder schlechter ist«, sagt Qiu, die Lektorin. Besonders hoch ist in Peking der so genannte PM10-Wert. Er steht für Feinstaub, den Anteil von Kleinstpartikeln in der Luft und wird durch die vielen Baustellen gepuscht. Vor allem die hohen PM10-Werte haben dem Olympischen Komitee noch kurz vor Beginn der Spiele Sorgen bereitet. Sportarten, bei denen in der Stadt für mehr als eine Stunde sportliche Höchstleistungen erwartet werden, sollte man besser unterlassen. Peking wollte diesen Befürchtungen mit der vorübergehenden Schließung aller Baustellen entgegenkommen. Damit könnten die Spiele auch für Millionen Pekinger ein ökologisches Aha-Erlebnis werden. Nicht nur die Baustellen werden ruhen, auch der Privatverkehr soll während der Spiele drastisch eingeschränkt werden. Als Ergebnis könnte der Himmel über Peking so blau wie nie zuvor im Leben der Stadtbürger sein. Und auch das Verkehrschaos wird dann, zumindest für die Wochen der Spiele, verschwinden. Deshalb sind sich Liu und Qiu auch in einem einig: Olympia habe viel zum neuen Umweltbewusstsein der Pekinger beigetragen. Seitdem wisse man zumindest, dass Smog und Stau kein Naturgesetz sind und sich etwas dagegen unternehmen lasse, sagen beide Frauen. Ein kleines olympisches Feuer der Hoffnung.
