Wenn sie sich die geringste Ruhepause gönnten, wäre bald der einzige Bewohner des Landes die Pest.« Jules Michelet, der Historiker der französischen Revolution, beschrieb damit die Arbeit der Geier in ägyptischen Städten wie Kairo und Alexandria. In seiner 1856 in Paris erschienenen naturphilosophischen Betrachtung »der Vogel« widmete Michelet »den bewundernswürdigen Agenten der wohltätigen Chemie« liebevoll ein Kapitel, in dem er auch auf die verehrende Zuwendung der ägyptischen Bevölkerung gegenüber den Geiern zu sprechen kam.
Für die deutschen Verhältnisse bildet das Erscheinungsjahr von Michelets Studie in der Mitte des 19. Jahrhunderts so etwas wie die vorläufige Scheidung von Bevölkerung und Geier. Um diese Zeit sterben die Geier hierzulande aus. Bis dahin hatte es vom Mittelalter ausgehend, auch in deutschen Ländern eine einträgliche Zusammenarbeit gegeben. Geier folgten den wandernden Schafherden, beseitigten verendete Alttiere, totgeborene Junge, die Nachgeburt oder die Knochenreste vom Essen der Schäfer. Geier nisteten im Mosel- Rheingebiet, den Alpen und im oberen Donautal. Und die Bevölkerung unterließ es nicht, sie in Dienst zu nehmen. Auf dem »Schindanger« abgelegte tierische Kadaver und andere Abfälle warteten geradezu auf die Entsorger in Gestalt von Geiern und anderen Aasfressern.
Im 19. Jahrhundert ändert sich das Geier- Mensch-Verhältnis dramatisch. Jäger neiden den Vögeln das waidwund geschossene Wild, das die Geier anstelle der Jäger finden. Mit umso größerer Treffsicherheit schießen sie nun die Geier ab. Mit der Industrialisierung von Landwirtschaft, Viehhaltung und Schlachtbetrieb verlor dann auch der Schindanger seine Bedeutung als Entsorgungsstelle – und die Geier ihren Futterplatz.
Es kann hilfreich sein, sich in diesen Tagen an die Geschichte der Geier in Deutschland zu erinnern. Denn die Geier kehren zurück. Seit dem frühen Sommermonaten des Jahres 2006 mehren sich auf ornithologischen Plattformen im Internet wie dem »Club300« die Meldungen von Geiersichtungen. Ende Mai und Anfang Juni 2006 hatte es ein Truppe von 70 Geiern bis nach Mecklenburg-Vorpommern geschafft. Hinzu kamen Sichtungen nahe Mainz in Rheinland-Pfalz, im Nordschwarzwald, in Bayern, Schleswig-Holstein und bei Celle in Niedersachsen. Im Juni 2007 beobachten Hobbyornithologen 22 Geier über Mönchengladbach. Bei der Mehrzahl der Vögel handelt es sich um Gänsegeier, vereinzelt begleitet von dunkleren Mönchsgeiern.
Die mit einer Flügelspannweite von etwa zweieinhalb Metern nicht zu übersehenden Tiere sind ausgezeichnete Thermiksegler. Aus der Luft suchen sie in kreisenden Flügen nach verendeten Tieren oder anderen fleischlichen Abfällen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Geier aus Spanien und Portugal, wo sie (wie auch in den französischen Pyrenäen und dem Zentralmassiv) nie verschwunden waren. Da sich die südeuropäischen Geierbestände in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren erstaunlich erholt haben, könnte es sich bei den Sommergästen um nachwachsende Geier handeln, die nach neuen Lebensräumen Ausschau halten. Gänsegeier brüten das erste Mal im Alter von vier Jahren und es ist normal, dass die Jungvögel die Kolonien ihrer Eltern verlassen. Dort legen etwa zwanzig Paare beieinander ihre Nester an. Das wäre die optimistische Interpretation der neuen Geiereinflüge in Deutschland.
Die pessimistische Variante ist aber leider die wahrscheinlichere. Nach Einschätzung des Naturschutzbundes (Nabu) kommen die Geier nicht, weil es ihnen in Spanien, Portugal oder Frankreich zu gut geht, sondern weil sie Hunger haben. Für den Nabu sind die »Hungerflüge« ein Alarmsignal, das der Artenschutz nicht ignorieren kann. Und die Ursachen ähneln den eingangs beschriebenen an der Wende zum 19. Jahrhundert. Nur sind es diesmal nicht die Schindanger, die verschwinden, sondern die »Muladares« in Spanien. Die Muladares waren dezentrale Kadaversammelstellen, die über das ganze Land verteilt angelegt waren und den Geiern als Futterstelle dienten. Mit der EU-Hygieneverordnung Nr. 1774 aus dem Jahr 2002, die in der Folge des BSE-Skandals die umgehende Beseitigung tierischer Kadaver verlangt, wurden die Muladares illegal und zu Tausenden geschlossen. Das zeitigte in den südeuropäischen Ländern umgehend negative Auswirkungen auf die Populationen vieler aasfressender Tiere. Das wurde auch schnell bemerkt und bereits 2003 erließ die EU eine Sonderregelung, nach der auch »ganze Körper toter Tiere zur Fütterung gefährdeter oder geschützter Aas fressender Vögel« ausgelegt werden dürfen.
Allerdings haben nur Griechenland, Spanien, Portugal, Frankreich und Italien diese Sonderregelung bisher in Anspruch genommen und Spanien hat in den letzten Jahren sogar 260.000 Euro in neue, genehmigte Geierfutterplätze investiert. Ausreichend ist das aber nicht. Wie der Nabu in einem Positionspapier zum Geierschutz feststellt, »stehen in der Region Aragonien tausend geschlossenen Muladares nur 25 wieder geöffnete gegenüber «. Dementsprechend sind nach 2003 die Geierpopulationen in Spanien weiter leicht zurückgegangen. Für den Schluss, das die Geier vom Hunger getrieben zurück nach Deutschland kommen, gibt es also einige Argumente.
Das Problem ist nur, das im dichtbesiedelten Deutschland die Hygieneverordnungen der EU noch wesentlich konsequenter umgesetzt werden als im Süden Europas und den Geiern deshalb auch kein Futter in Form von Tierkadavern geboten wird. Mit welch gründlicher Reinlichkeit bei uns tote Tiere aus dem Freiland entfernt werden, konnte man zuletzt während der so genannten Vogelgrippe-Panik im Fernsehen sehen und in jeder Zeitung verfolgen. Und natürlich haben die akribischen Sammelaktionen die Ausbrüche der Vogelgrippe, die zuerst ein Phänomen von Massentierhaltung und Legebatterien ist, nicht verhindert. Darum stufen Vogel- und Naturschützer die Hygieneverordnungen der EU als engstirnig und für den Geierschutz kontraproduktiv ein. In Belgien und Holland, die ebenfalls zu Geiereinflugsgebieten geworden sind, zieht man bereits die Lehren aus dieser Kritik. Dort werden an bestimmten Stellen die Geier jetzt mit Schlachtabfällen gefüttert. Ein Verfahren, das auch von deutschen Vogelschützern diskutiert wird.
Solche Futterstellen können allerdings nur eine Übergangsmaßnahme sein, die geeignet ist, vom erfolglosen Futterflug ausgezehrte Geier wieder aufzupäppeln. Eine Dauerlösung ist es nicht, wie Erfahrungen mit einem Vorläuferprojekt aus den siebziger Jahren zeigen. Als damals die Naturschutz- und Jagdbestimmungen für Greifvögel verschärft wurden, gab es vereinzelt Versuche von Jägern, Bussarde »lahm zu legen«, ohne sie abzuschießen. Dazu wurden an verborgenen Stellen im Wald ganze Wagenladungen in Legebatterien verendeter Hühner ausgelegt. Nach einiger Zeit saßen rund um die Hühnerberge herum fett gewordenen Bussarde in den Bäumen, die sich kaum noch bewegten. Sie waren tatsächlich »lahm gelegt«. Und ihr Verhalten hatte nichts natürliches mehr.
Zurück zu den großen Viehweiden Auf die Geier übertragen heißt das: Wenn man sie vom Füttern abhängig macht, kann man sie auch gleich in einen Zoo sperren. Auf lange Sicht ist ihnen also nur zu helfen, wenn man die »natürlich« anfallenden Kadaver im Freiland lässt. Für die spanischen Geier könnte es dabei schon hilfreich sein, wenn man zuerst Schafe und Ziegen aus der EU-Hygieneverordnung herausnimmt und im Freien liegen lässt. In Deutschland sollte zumindest verendetes Wild für die Aasfresser zurückbleiben. Heute ist es üblich, die toten Tiere zu vergraben. Eine langfristige Lösung für die Wiederansiedlung von Geiern kann aber nur darin bestehen, Raum für großflächige Weidewirtschaft zu schaffen. Nach Ansicht des Nabu ließen sich solche großräumigen Weidelandschaften zum Beispiel in Nationalparks, auf ehemaligen Truppenübungsplätzen oder in Gebieten des Nationalen Naturerbes entwickeln. Ein Projekt, das vielversprechend klingt, weil es Landwirtschaft und Naturschutz gleichermaßen reformieren könnte.
