Für
die Initiatoren ist das Projekt eine kleine Revolution. Der Berliner Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup spricht von einem »historischen Bruch« und vom absehbaren Ende des alten besinnungslosen Jagens und Wegfangens großer Fischmengen. Vor der Ostseeküste Mecklenburg- Vorpommerns soll erstmals in Deutschland eine andere Fischerei erprobt werden: Sea- Ranching. Dabei werden, so die Pläne des Bundeslands, mehrere Millionen an Land herangezogener Jungdorsche im Meer ausgesetzt. Die nur Gramm schweren »Fingerlinge « sollen in der westlichen Ostsee als wild lebender Bestand ohne die umstrittene Käfighaltung der Aquakultur heranwachsen. Weil die Dorsche aufgrund der regional unterschiedlichen Wasserzusammensetzung in der Ostsee nicht »weglaufen«, ihr Lebensraum auf überschaubare Gebiete beschränkt ist, könnten sie als erwachsene Fische irgendwann im angestammten Habitat »geerntet« werden. Deutschland, als größter Fischkonsument Europas, werde mit dem Projekt die »wissenschaftlich gesteuerte Bewirtschaftung ganzer Fischbestände in der offenen See« in Angriff nehmen, umreißt Lütke Daldrup das Ausmaß des Unternehmens. Die Landesregierung hat es prompt zum Leitprojekt ihrer Fischereipolitik erklärt und verweist auf ähnliche Vorhaben in Japan, Korea, Australien oder im Golf von Mexiko. Was in kleinen und großen Seen üblich ist, nämlich die Steuerung der Fischpopulation durch gezielte Besatzmaßnahmen, würde dann auch in den Weiten des Meeres Einzug halten. Die relativ kleine Ostsee wäre dafür ein geeignetes Terrain. Die Probleme, vor denen die Planer stehen, sind allerdings gewaltig. Wie wollen sie Millionen junger Dorsche heranziehen, die so abgehärtet sind, dass sie nach dem Aussetzen tatsächlich überleben? Wie können sie sicherstellen, dass die Jungdorsche nicht als Fischfutter enden? Wie garantieren sie die genetische Vielfalt der Besatzfische? Und wie markiert man eigentlich drei, vier oder womöglich 20 Millionen Jungfische, um später ihren Zug im Meer zu verfolgen? »Wir brauchen Wissenschaftler fast aller Disziplinen, dieses Projekt passt mit seiner Komplexität in keine Universität rein«, sagt Udo Knapp, im Tiefensee- Ministerium für den Aufbau Ost zuständig. Er gilt als einer der Motoren des Sea- Ranching, das er mit der Schweriner Landesregierung und einer Großen Koalition aus Forschungsanstalten und Fischereiinstituten anschiebt.
Raubfische fernhalten, das Futterangebot verbessern
Rückenwind erhält das Vorhaben durch die gescheiterte europäische Fischereipolitik. Gerade König Kabeljau, der in der Ostsee »Dorsch« genannt wird, ist das prominenteste Opfer. Alle Jahre wieder unternimmt die EU den Versuch, den gierigen Schlund der industriellen Fischerei mit neuen Fangquoten zu begrenzen und die Bestände in Atlantik und Ostsee zu schützen. Vergeblich: Das Netz der Fischereinationen ist eng geknüpft, ihre knallharte Interessenpolitik konnte wirklich nachhaltige Schutzmaßnahmen bisher verhindern. Viele Bestände sind auf dem historischen Tiefststand angekommen. Kabeljau und Dorsch, die zu den wirtschaftlich wichtigsten Fischen gehören, geht es so schlecht wie nie. In der westlichen Ostsee ist die Zahl einjähriger Dorsche von 160 Millionen im Mittel der 80er Jahre auf heute 60 Millionen geschrumpft. In dieser Situation soll das Sea-Ranching den Dorschbestand stabilisieren und den Fischern die Beute sichern. Rund 40 Millionen Euro müssten EU, Bund und Land in das Projekt investieren. Herzstück ist die in Rostock- Peetz geplante Erbrütungsanlage für Jungdorsche – möglicher Baubeginn: 2009. Hier soll der Kabeljau-Nachwuchs in sieben großen Rundbecken heranwachsen. Die wilden Elterntiere werden in der Ostsee gefangen, von Veterinären untersucht und zum Laichen gebracht.
Da große Kabeljau-Weibchen Hunderttausende, im Extremfall Millionen Eier produzieren, könnten schon mit wenigen Exemplaren ausreichende Mengen Nachwuchs gewonnen werden. Um die Genetik der Jungdorsche nicht einzuengen, will man die Elterntiere regelmäßig austauschen. Die Laichfreudigkeit der Dorschdamen soll durch Lichteinsatz angestachelt werden, damit sie mehrmals im Jahr Eier produzieren.
Massentierhaltung – für Rädertierchen
Zur Rostocker Anlage gehören außerdem eine Wasseraufbereitung, eine Algenproduktion sowie Zuchtbecken zur Vermehrung winziger Rädertierchen, mit denen man – Futter bei die Fische! – die Dorschbrut päppeln will. Auch der Ruderfußkrebs ist als Fischfutter eingeplant. Aus seinen Eiern schlüpfen winzige Larven (Nauplien), Idealkost für kleinste Fische. In der letzten Ausbaustufe der Pilotanlage sollen in Peetz dann vier Millionen Besatzdorsche mit einem Gewicht von fünf Gramm oder 20 Millionen noch kleinerer »Fingerlinge« von nur einem Gramm herangezogen werden. Für welche Variante man sich entscheidet, ist noch offen. Denn die großtechnische Produktion »juveniler Ostsee- Dorschrekruten« ist absolutes Neuland. Auch über die Sterbe- und Rückkehrraten ausgesetzter Jungfische, über ihr Migrationsverhalten oder den besten Zeitpunkt zur Auswilderung ist wenig bekannt. Meeresbiologen und Kabeljau-Spezialisten, aber auch Bio-Mathematiker und Genetiker, die das wissenschaftliche Begleitprogramm leiten, haben reichlich zu tun. Die Habitat- und Nahrungsansprüche des Dorsches in allen Entwicklungsstadien, seine Prägung auf Temperaturen und Salzgehalte oder seine Wanderaktivitäten müssen erkundet werden. Die Forscher wollen aber auch klären, ob man das »Aufenthaltsverhalten« der Dorsche steuern kann. Im Klartext: Man will sicherstellen, dass die mühsam herangezogenen Fische nicht doch abwandern und am Ende in polnischen oder schwedischen Bratpfannen landen. Hier sollen die Schutz- und Hegemaßnahmen greifen. Unmittelbar nach dem Aussetzen der Jungfische könnte eine vorübergehende Einfriedung des Habitats durch Netze die Raubfische auf Distanz halten, so der Fischereireferent des Landes, Gerhard Martin. Das Futterangebot soll durch künstliches Licht verbessert werden, Lampen erhöhen die Plankton-Produktion. Eine direkte Fütterung der Jungfische »ist nicht vorgesehen «, sagt Martin, »wir wollen so naturnah wie irgend möglich arbeiten.« Dass nur ein kleiner Teil der ausgewilderten Dorsche das erste Jahr überleben wird, gehört ebenfalls zur Natur der Sache. Dennoch wird mit späteren Fängen von 2.500 bis 3.600 Tonnen Fisch pro Jahr kalkuliert, denn das Projekt soll sich irgendwann auch rechnen
Fische sollen nicht in der falschen Bratpfanne landen
Schutz könnten die jungen Dorsche in dem schon 1996 angelegten künstlichen Großriff vor Nienhagen finden. Hier wurden vor zwölf Jahren Röhren, Betonelemente und Natursteine versenkt, um die Besiedlungsökologie der Meeresfauna zu erforschen und Laich- und Nahrungsplätze zu schaffen. Im videoüberwachten Versuchsriff sollten sich, so die Hoffnung Martins, auch die Jungdorsche heimisch fühlen. Für Mecklenburg-Vorpommern markiert das Projekt zugleich ein Stück neuer selbstbewusster Identität. »Wir sind schon jetzt der größte und modernste deutsche Fischereistandort «, klärte Staatssekretär Lütke Daldrup die Teilnehmer des Fischereitags auf, wo er die ehrgeizigen Pläne zum »Dorschmanagement in der westlichen Ostsee« vorstellte. Man will aber nicht nur Fingerlinge heranziehen und aussetzen, sondern auch den Anschluss an die internationale Aquakulturforschung finden. Man will neue Erkenntnisse über die Biologie des Dorsches gewinnen, aber auch den Wissenschaftsstandort Rostock stärken, wo passend zum Projekt ein Forschungsschwerpunkt eingerichtet wird und irgendwann im Jahre 2015 oder 2020, so die Zukunftsträume, könnte das kleine Mecklenburg-Vorpommern sein Know-How in Sachen Sea-Ranching exportieren.
Wie markiert man Millionen von Fischen?
Bis dahin fließt noch viel Wasser in die Ostsee. Da ist zum Beispiel die Frage zu klären, wie man eigentlich vier Millionen Winzfische markiert und später identifiziert. Favorit für diese Aufgabe ist ein kodierter »micro-wire-tag«. Das ein Millimeter lange und 0,2 Millimeter breite rostfreie Metalldrähtchen hat sich seit Jahren als Instrument tierökologischer Forschung bewährt. Es wird den Fischen meist unter die Nasenhaut geschoben und lässt sich später mit Detektoren aufspüren. Moderne Robotertechnik soll dies in Rostock erledigen. Ein ganz anderer, noch schwieriger Job besteht darin, die Bedenken der EU auszuräumen, die das Projekt bisher stets abgelehnt hat. So hängt seine Realisierung am seidenen politischen Faden. Mal wird infrage gestellt, ob die aufgezogenen Jungfische überhaupt fit genug sind für die wilde Ostsee. Mal wird eine genetische Verengung der Dorschpopulation befürchtet. Dann wünscht man das Projekt lieber ein paar Nummern kleiner. Und am Ende verweisen Brüssel und seine wissenschaftlichen Berater regelmäßig darauf, dass langfristige Erfolge nicht durch Besatzmaßnahmen, sondern nur durch drakonische Einschnitte bei der Fischerei erreichbar sind.
Zweifel: Ja; dagegen: Nein
Aber genau dies, kontert Martin, habe die EU ja nie durchsetzen können, »deswegen machen wir ja das Dorschprojekt.« Das Bundesamt für Naturschutz teilt wesentliche Kritikpunkte der EU und fordert, statt umstrittener Besatzmaßnahmen ein besseres Fischereimanagement aufzubauen, selektive Fangtechniken einzuführen und die Fänge insgesamt zu reduzieren. Trotz der Bedenken würde man das Projekt aber wissenschaftlich begleiten, so der Leiter des Fachgebiets Meeresnaturschutz, Henning von Nordheim. Wichtigste Voraussetzung: Es müsse sichergestellt sein, dass der Besatz ausschließlich aus Wildbeständen gewonnen und mit ausreichender genetischer Breite ausgestattet ist. Nordheim: »Wir haben unsere Zweifel an dem Projekt, aber wir sind nicht vehement dagegen!“
