Wir begeben uns ins Epizentrum eines energiepolitischen Erdbebens“, sendete der WDR aus dem Wohnzimmer der Familie Sladek im südbadischen Schönau. Genauer gesagt vom runden Tisch der Sladeks, an dem bekannte und unbekannte Helden und Heldinnen im Kampf gegen Atomstrom saßen: Einheimische, Zugezogene, Sympathisanten, Finanzexperten, Ingenieure, Unternehmer, Politiker und Pfarrer.
Alle kamen sie, um gemeinsam mit Michael und Ursula Sladek über Wege zu diskutieren, wie man der Atomwirtschaft die Stromnetze entreißen könne. Frei nach dem Motto: Grüner Strom durch grüne Netze. Das war den meisten Akteuren der etablierten Energiewirtschaft der achtziger Jahre höchst suspekt, erschien ihnen sogar subversiv. Ihr Widerstand war dementsprechend verbissen, Waden beißend. Daher gingen der Landarzt Sladek und seine resolute Frau, kurz porträtiert von Co-Autor Martin Rasper, manch schmerzliche Wege, um da anzukommen, wo sie mit den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) heute sind: Ökostrom-Anbieter mit mehr als 75.000 Kunden bundesweit. In seinem Buch „Störfall mit Charme“ zeichnet Bernward Janzing die spannende Geschichte der Schönauer Stromrebellen nach: Vom Entsetzen über die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl (1986), über die Schönauer Initiative „Eltern für eine atomfreie Zukunft – EfaZ“ (1987) und der daraus gebildeten „Netzkauf Schönau GbR“ (1990) bis hin zur Gründung der „Elektrizitätswerke Schönau GmbH – EWS“ (1994).
Krönender Abschluss schließlich die Übernahme des Schönauer Stromnetzes durch die EWS (1997). Im Nachhinein erscheint alles wie eine Erfolgsgeschichte, doch stand vieles immer wieder auf der Kippe, drohte der Widerstand zu scheitern. Daher fiebert der Leser des Buches mit den Protagonisten aus Schönau besonders an den Stellen mit, in denen wichtige Bürgerentscheide oder um zähe Verhandlungen beim Netzkauf nacherzählt werden. Das eigentlich Schöne an Schönau ist aber, dass am Ende alles gut, ja sogar sehr gut wird: Die Rettung vor Fallstricken kam immer rechtzeitig, sodass die Rebellenstory unverdrossen weiter geht. Inzwischen ist Schönau ein Synonym für den Einstieg in eine andere Energielandschaft geworden. Wahrlich nicht ohne Grund, wie der Autor Janzing, der sich seit vielen Jahren kompetent über erneuerbare Energien schreibt und sich als profunder Kenner der Szene erweist, auf kurzweilige Weise zu schildern vermag. Denn allen Protest-Aktionen, vom braven Infostand auf dem Flohmarkt bis hin zum zivilen Ungehorsam, den schicksalhaften Begegnungen und der „Störfall“-Werbekampagne“ haftet etwas sehr charmantes an. Es ist ein Weg zwischen Zweifeln, beinahem Scheitern und gelegentlichen Triumphen. „Die Rebellenstory gefällt den Menschen total“, sagt Ulla Gahn, Initiatorin der Stromwechselpartys. Und so bekommt mancher Leser bestimmt Lust, auch mal Rebell zu sein.
Neben der spannenden Aufarbeitung des Energiekrimis mit badischem Kolorit, schildert das bildreiche Buch im blassgrünen Hardcover, zum Teil mit Fotos aus dem Familienalbum der Sladeks bestückt, zum anderen Teil von Bild-Journalist Jan Oelker fotografiert, wie die Energiewirtschaft zukünftig aussehen kann. Die Forderung von Bernward Janzing und seinem Gastautor Dieter Seifried: Die Energieversorger von morgen sollen zu echten Dienstleistungsunternehmen werden, die mit den Verbrauchern zu kooperieren haben. Sie helfen Energie zu sparen, statt am erhöhten Stromverbrauch verdienen zu wollen. Klingt ziemlich vernünftig.
Bernward Janzing, Störfall mit Charme, 128 Seiten, doldverlag 2008, 18 Euro; ISBN 978-3-927677-56-2
