www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 23. February 2012

Fukushima, ein halbes Jahr "danach"

von Manfred Kriener

Ein halbes Jahr nach der Reaktorkatastrophe bleibt die Lage in Japan prekär. Vor allem die Strahlenbelastung von Nahrungsmitteln führt zu Verunsicherungen und Gesundheitsschäden der Bevölkerung. Bisheriger Höhepunkt: der Rindfleischskandal im Juli. 650 Rinder, die stark verseuchtes Heu gefressen hatten, wurden an Schlachthöfe in ganz Japan verkauft. Seitdem sind spezielle Testprogramme für Beef angelaufen. Die Rindfleisch- Ausfuhr aus der Präfektur Fukushima wurde vorübergehend gestoppt. Aber auch andere Lebensmittel sind mit radioaktivem Cäsium belastet, vor allem Fisch, aber auch Tee oder Süßkartoffeln. Eine Teeprobe der Präfektur Chiba wurde mit 2.750 Becquerel gemessen.

Belastete Lebensmittel dürfen ungeniert bis zum willkürlich festgelegten Grenzwert von 500 Becquerel in den Handel gebracht werden. Produkte aus Fukushima sind aber kaum noch verkäuflich. Selbst das in abgeschlossenen Gewächshäusern geerntete Gemüse wird verramscht. Auch der Preis für Pfirsiche ist auf ein Viertel des Vorjahrniveaus gesunken. Alle Versuche, Produkte offensiv zu verkaufen und auf Solidarität oder Mitleid zu setzen, sind kläglich gescheitert. In der Einkaufsmeile von Fukuoka im Süden Japans brach eine regelrechte Wut- und Protestwelle los, als das »Fukushima Shop Project « Lebensmittel der geschundenen Atomregion angeboten hatte.

Wenig beruhigend ist auch die Schätzung der japanischen Atomkommission. Sie hat die Menge des nach Fukushima freigesetzten Cäsiums Ende August auf das 168fache der Freisetzung durch die Hiroshima-Bombe beziffert (15.000 Terrabecquerel). Halbwertszeit: 30 Jahre. Extreme Cäsium-Belastungen waren in der Rauchfahne und Asche verschiedener Müllverbrennungsanlagen entdeckt worden. Die Japan Times berichtet von 93.000 bzw. 70.800 Becquerel in der Asche einer Anlage in Fukushima-Stadt und in der Präfektur Chiba.

Eine von Bürgern gegründete Strahlenmessstelle hat in Fukushima ebenfalls im August die Arbeit aufgenommen: »Wir können den Sicherheitsstandards unserer Regierung nicht mehr trauen, wir wollen nicht warten, bis unsere Kinder Krebs bekommen.« Die »Citizen Radioaktivity Measuring Station « (CRMS) hat bisher drei eigene Messstationen in der Präfektur eingerichtet und zahlreiche Hot Spots – Strahlennester mit extremer Radioaktivität – identifiziert. »Wir haben sogar auf einem Kinderspielplatz Strahlenwerte von über 60 Mikrosievert pro Stunde festgestellt«, sagt CRMS-Aktivist Wataru Iwata. Nach dem Abgang von Ministerpräsident Kan bleibt Nachfolger Yoshihiko Noda in der Energiepolitik auf verwaschenem Kurs. Japan werde »mittelfristig« aussteigen, sagte der neue Regierungschef nach seiner Ernennung. Gleichzeitig kündigte er an, dass die alten Reaktoren nach einem Stresstest mit Zustimmung der lokalen Bevölkerung wieder ans Netz gehen dürfen. Zuletzt waren 35 Reaktoren abgeschaltet. Den Bau neuer Atommeiler bezeichnete Noda als »schwierig«.

Umwelt- und Krisenminister Goshi Hosono hat die Hoffnungen der Evakuierten auf baldige Rückkehr als unrealistisch bezeichnet. In den stark belasteten Gebieten werde es mindestens 20 Jahre, in schwächer belasteten zehn Jahre dauern. Das neue Problem: Wie hält man verlassene Städte und Dörfer intakt? Die havarierten Kraftwerke sind unterdessen noch lange nicht unter Kontrolle, auch wenn die provisorische Kühlung sichergestellt ist. Der japanische Sicherheitsexperte Prof. Hiroaki Koide erklärte in der Mainichi Daily News, dass weiter unklar sei, was in den Reaktoren vorgehe. Die Gefahr, dass größere Mengen Radioaktivität freigesetzt werden, sei noch nicht gebannt. In Reaktor I sei geschmolzener Brennstoff durch alle Barrieren hindurch vermutlich in den Untergrund eingedrungen und verseuche Grundwasser und Pazifikküste. Die Not-Kühlung habe zudem rund 110.000 Kubikmeter hochradioaktives Wasser produziert, das unter den Reaktor-Fundamenten – »dort, wo wir es nicht sehen« – langsam in den Untergrund sickere. Es sei dringend notwendig, unterirdische Wasserbarrieren zu errichten. Überirdisch hat Tepco begonnen, Reaktor I mit einer riesigen Zeltkonstruktion und Kunststoffplanen einzurüsten, um strahlende Partikel zurückzuhalten. Später soll über allen vier Reaktoren eine Stahlbetonhülle gebaut werden.

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