Wir Sind Aussteiger!
www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 23. February 2012

Schatzsuche in Deutschland

Der schwindende Brennstoff Erdgas erlebt eine Renaissance. Mit neuen Techniken und brachialen Methoden wird nach Gas gebohrt, das bisher als unförderbar galt. Die letzte fossile Party hat begonnen. Auch in Deutschland sollen mit dem umstrittenen »Fracking« verborgene Schätze von »unkonventinellem Gas« gehoben werden.

Artikel merken & weiterempfehlen:
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • TwitThis
  • Yigg
von Marcus Franken und Manfred Kriener

Feurige Küchenerlebnisse in Virginia. Ein handgeschriebener Zettel hängt direkt über einem Spülbecken: »Dieses Wasser ist nicht trinkbar!« Davor geht ein dürrer Schnauzbart im olivgrünen T-Shirt mit einem Feuerzeug in Stellung. Er knipst das Feuerzeug an und öffnet den Wasserhahn. Dann macht es zong. Eine Stichflamme hüllt die Spüle in bläuliches Gezüngel. Das Wasser brennt. »Jesus Christ!«, sagt der Kommentator.

Die spektakuläre Szene gehört zu dem Aufklärungsfilm »Gasland«, mit dem USUmweltkämpfer Josh Fox gegen die Gasbarone in seinem Land zu Felde zieht. Mit der Kamera fuhr Fox Monate lang durch die USA, folgte der Spur riesiger Bohrtürme, sprach mit Anwohnern und dokumentierte Tränen, Pein und mit Gas gesättigtes, brennendes Wasser. Er zeigte Hunde und Katzen, denen das Haar ausfällt, Menschen mit unerklärlichen Dauerschmerzen und Familien, die auf ihrem Land wegen Explosionsgefahr keine Steaks mehr auf dem Grill braten dürfen.

Er filmte schlammiges Trinkwasser und schneidige Investoren, machte Luftbilder, auf denen die Landschaft von Bohrlöchern perforiert ist wie von MG-Salven. Das Roadmovie über das neue Rohstofffieber in den USA wurde sogar für den Oscar 2011 nominiert. Der Ausbruch des Fiebers lässt sich zeitlich exakt bestimmen.

Vor sechs Jahren, im Juli 2005, hatte die Bush-Regierung, mit Vizepräsident Dick Cheney als Cheflobbyisten, die Öl- und Gasförderung von einigen Umweltvorschriften befreit. Wird in großer Tiefe gebohrt, ist das strenge Trinkwasserschutzgesetz ausgehebelt.»Halliburton-Schlupfloch « taufte die Presse die Regelung, die für Cheneys frühere Firma, das Gas- und Ölexplorationsunternehmen Halliburton, maßgeschneidert war. Unbehindert von lästigen Auflagen begann nun ein Boom, der heute gern als »Gas-Rausch« umschrieben wird.

Mit mehreren Hunderttausend Bohrungen in sechs Jahren fraßen sich die Rohstoffjäger von Texas bis Pennsylvania in den Untergrund. Sie förderten Milliarden Kubikmeter eines Stoffs zutage, der bis dahin in den Energiebilanzen unter »ferner liefen« rangierte: unkonventionelles Gas. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eigentlich ganz normales Erdgas. Doch weil es in besonders dichtem Gestein eingeschlossen ist, galt es lange als nicht förderbar.

Das hat sich gründlich geändert. Mit neuen Bohrtechniken, moderner Ausrüstung und brachialen Methoden wird das harte Muttergestein aufgeknackt (siehe Kasten Seite 21 im Heft). »Hydraulic Fracturing« oder einfach nur »Fracking« heißt das Verfahren, bei dem unter Hochdruck von bis zu 1000 bar mit Chemikalien versetzte Wassermassen in die Gesteinsrisse und -spalten gepresst werden.

Bis zu 2.000 Liter Wasser pro Minute. Mit einer Vielzahl von Bohrungen und Wasserinjektionen wird das unzugängliche Gas flächendeckend aus den Poren herausgequetscht. Innerhalb weniger Jahre hat die Gewinnung des schwer förderbaren Gases in den USA gewaltige Dimensionen erreicht. Heute, sagt US-Präsident Barack Obama, ist unkonventionelles Gas ein »entscheidender Eckpfeiler im Energieportfolio unserer Nation«. Von Null auf 50 Prozent in sechs Jahren: Gas aus Sand-, Schiefer- und Kohlegestein deckt heute mehr als die Hälfte des gesamten US-Markts. Inzwischen haben die USA sogar Russland abgehängt und sind zum größten Gasproduzenten der Welt aufgestiegen. Das Land hat seine Importe stark reduziert und den Weltmarkt mit einer zeitweisen Überversorgung von Erdgas auf den Kopf gestellt.

Die Neuvermessung der Welt hat begonnen

Anfangs waren es Spezialfirmen wie Cheasapeake oder XTO Energy, die sich die Claims sicherten und mit neuer Technologie in den Untergrund gingen. Inzwischen haben die großen Spieler nachgezogen. Shell, Chevron, Conoco, Total, Statoil und natürlich Exxon – die alten Ölriesen, deren fossile Reserven in den vergangenen Jahren dramatisch wegschmolzen, wittern ein Milliarden-Bonanza und sind schnell auf den Gaszug aufgesprungen.

Exxon kaufte in einem Megadeal für 31 Milliarden Dollar die zum zweitgrößten USGasversorger aufgestiegene Firma XTO kurzerhand auf. Befeuert wird das unkonventionelle Gasgeschäft von immer neuen Zahlen und Verheißungen über angeblich gigantische Gasressourcen im harten Muttergestein. In den USA soll das Marcellus-Schiefer-Gasfeld, das sich von New York bis Virginia erstreckt, 11,6 Billionen Kubikmeter Erdgas speichern, so die staatliche Geologie-Behörde USGS. Damit wäre es das zweitgrößte Gasfeld der Erde. Ende August kam dann die Ernüchterung: Neue Schätzungen der Behörde hatten das Feld auf nur noch 2,38 Billionen Kubikmeter taxiert.

Auch die Internationale Energieagentur (IEA) heizt den Boom kräftig an. »Steht uns ein neues goldenes Gas-Zeitalter bevor?« heißt der Titel der in diesem Jahr vorgestellten Studie der Pariser Energieexperten. Darin entwerfen sie das Szenario eines rasend schnell wachsenden globalen Gasverbrauchs. Bis 2035 werde die weltweite Nachfrage nach Erdgas auf 5,1 Billionen Kubikmeter im Jahr ansteigen – 1,8 Billionen mehr als heute. Aber keine Sorge, sagen die Energiewächter, dank der großen Vorkommen von unkonventionellem Gas sei der Tisch reich gedeckt: »Die globalen Erdgasressourcen können die Nachfrage auf komfortable Weise bedienen.« Da ist sie also wieder: die unbegrenzte Welt mit unendlichem Wachstum und einem unermesslichen Energie-Supermarkt.

Die IEA ist überzeugt, dass »die unkonventionellen Gasressourcen genau so hoch einzuschätzen sind« wie die normalen (konventionellen) Gasschätze der Erde, die auf rund 450 Billionen Kubikmeter – Reserven plus Ressourcen – taxiert werden. Zudem bringe der neue Gasreichtum eine Reihe von Vorteilen:

  • Die Energieversorgung werde stärker diversifiziert,
  • die Abhängigkeit von den großen Gas-Ländern (Russland, Iran!) reduziert,
  • der Klimaschutz könne verbessert werden, wenn Erdgas andere fossile Killer wie Kohle und Öl ersetze
  • und die Energiesicherheit wachse.

Die USA werden mit ihrem Gasboom nicht allein bleiben. Auch in Australien, China, Indien und Indonesien, so die Energieagentur, seien Erfolg versprechende Projekte angelaufen. China werde mit seinen riesigen Vorkommen an unkonventionellem Gas gar zu einem der größten Gasversorger der Welt aufsteigen. Und Europa?

Auf dem alten Kontinent ist die Gasproduktion in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Jetzt sind in Schweden und der Ukraine, in Polen, Rumänien, den Niederlanden und vielen anderen Ländern die Gasmänner unterwegs, erste Konzessionen sind bereits vergeben. Die »Neuvermessung der Welt« (Spiegel) hat auch hier begonnen. Europa hat zwar längst nicht die großen unkonventionellen Vorkommen der USA und Chinas, aber auch kleinere Schätze versprechen Renditen.

So ist denn auch Deutschland – fünftgrößter Gasverbraucher der Welt – von der Gas-Euphorie gepackt, obwohl die Vorkommen an unkonventionellem Gas bei uns vermutlich nur rund ein Prozent unseres Bedarfs decken werden. Im Oktober vergangenen Jahres vergab das Bergbauamt von Nordrhein-Westfalen Erkundungslizenzen für 17.000 Quadratkilometer, das ist rund die Hälfte der gesamten Fläche des Bundeslandes. Auch Niedersachsen hofft auf Werte im Untergrund. Aber nicht alle hoffen mit. Umweltaktivisten, Bürgerinitiativen und Wasserwerke sind aufgeschreckt durch Bilder und Berichte aus den USA. Entsprechend schnell hat sich der Widerstand organisiert, wie in dem kleinen Ort Bötersen in diesem Frühherbst zu beobachten ist.

Fracking in Bötersen – irgendwie unheimlich

Hoops’ Gasthof ist schon gesteckt voll, bevor es überhaupt losgeht. Mehr als 100 Leute drängen sich unter massiven Deckenbalken, die Wirtin bringt Haake-Beck und Alster. »Infoveranstaltung – was ist Fracking?« steht auf den Handzetteln, von denen der BUND und die Grünen 800 Stück in der Gegend verteilt haben. Die Resonanz ist enorm und das ist erstaunlich. Denn in Bötersen, 50 Kilometer südwestlich von Hamburg, wird schon seit 25 Jahren Gas gefördert. Eigentlich haben sich die Leute an die Bohrtürme gewöhnt. Doch jetzt geht etwas vor unter Wiesen und Maisäckern, das anders ist: unheimlich. Jetzt im Herbst soll auch in Bötensen wieder »gefrackt« werden. Hier im nördlichen Niedersachsen befinden sich die größten Erdgasfelder Deutschlands.

»Söhlingen« heißt das Gasfeld, das sich mehr als 50 Kilometer weit erstreckt. Es ist eine Sandsteinlagerstätte, Tight Gas sagen die Experten. Das Gestein ist nicht so hart wie Tonschiefer, sein Gas gilt aber als unkonventionelles Vorkommen, das schwerer zu fördern ist. Bisher kamen die Bauern und Exxon gut miteinander aus. Doch seit den Unfällen in dem gleichnamigen Dorf Söhlingen macht sich Angst breit in den Backsteinhäusern….

Der ganze Text in der gedruckten zeo2 oder
als iPhone-App

Artikel merken & weiterempfehlen:
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • TwitThis
  • Yigg