www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 17. May 2012

Kommentar: Hannes Jaenicke über Tigerschutz und Tigerpolitik

von Hannes Jaenicke

Der Tigergipfel von St. Petersburg wurde als »Durchbruch « gefeiert. Ich bin bei solchen Ereignissen eher skeptisch, zumal viele der teilnehmenden Tigerstaaten beim Schutz dieser großartigen Raubkatze in der Vergangenheit krass versagt haben. Auch Russlands Regierungschef Wladimir Putin war für mich kein glaubwürdiger Gastgeber. Politikern, die im 21. Jahrhundert noch auf Bärenjagd gehen und großkalibrig im Wald rumballern, traue ich grundsätzlich nicht über den Weg.

Aber gut: Ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen und positiv überraschen. Beim Tiger geht es aber nicht um großes Palaver, sondern um ganz konkrete Maßnahmen zum Schutz der Habitate und zur Eindämmung der Wilderei. Daran müssen sich die Teilnehmer des Tigergipfels messen lassen. Zentraler Punkt ist für mich der illegale Handel mit Tigerprodukten, der die gesamte traditionelle chinesische Medizin diskreditiert. Es ist vollkommen unverständlich, wie heute im Zeitalter von Viagra immer noch Potenzmittel aus Tigerknochen, -penissen oder gemahlenen Nashornspitzen hergestellt werden. Es gibt diese herrlichen blauen Pillen, wir sollten dankbar dafür sein und den ganzen anderen Voodoo endlich verbannen.

380 Millionen Dollar sollen jetzt in ein globales Rettungsprogramm für den Tiger fließen. Sein Überleben wäre also vergleichsweise billig zu haben. Auch hier gilt: Wäre der Tiger eine Bank, hätten wir ihn längst gerettet. Allein die Bundesrepublik hat für die abgeschmierte Katastrophenbank Hypo Real Estate 130 Milliarden Euro berappt, für den Tiger gibt sie 12 Millionen.

Tiger sind faszinierende Tiere. Sie sind genau wie Haie, Eisbären oder Gorillas, über die ich meine Filme gemacht habe, schillernde Stellvertreter des großen Jackpots der Natur. Sie repräsentieren als so genannte flagship species ihre angegriffenen und zerstörten Ökosysteme. Jeder kennt sie und sie gehen uns unter die Haut. Es ist diese ganz besondere emotionale Mischung, die uns berührt. Der Tiger hat einerseits den Charme eines knuffigen Hauskaters, zugleich ist er aber ein gefährliches, ungeheuer kraftvolles Raubtier.

Natürlich sind auch der Kammmolch oder die Rotbauchunke bedroht. Aber mit ihrer Ausstrahlung sind es gerade Tiere wie Eisbär oder Tiger, also attraktive Schlüsselarten, auf die wir uns im Naturschutz zu Recht konzentrieren. Dahinter steht – eigentlich eine Banalität – der Schutz ihrer Habitate und Ökosysteme. Tiger werden heute in China in Großfarmen gehalten, wo sie vermehrt und geschlachtet werden sollen, um dem Markt Felle, Tigerköpfe und Knochen zu liefern. Ich finde das widerlich. Solange solche perversen Farmen existieren, fürchte ich, werden wir auch beim Tigerschutz nicht vorankommen. Denn der Markt für Tigerutensilien gehört endlich ausgetrocknet.

Ein letzter Gedanke: Der Tiger hat sein Verbreitungsgebiet vor allem in jenen asiatischen Ländern, deren Bevölkerung rapide wächst. Solange das der Fall ist, sind Natur und Dschungel die Verlierer. Eine kluge Bevölkerungspolitik ist deshalb für mich zentraler Bestandteil des globalen Naturschutzes. Sie würde langfristig auch dem Tiger helfen.

Hannes Jaenicke ist Schauspieler und Filmemacher und engagiert sich intensiv für den Naturschutz

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