Wir Sind Aussteiger!
www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 5. February 2012

Kommentar

Galoppierende Preise, der Biosprit und die zweite Halbzeit des Ölzeitalters: Nicht die Vernunft, erst der hohe Ölpreis wird zur lange Überfälligen Abrüstung in der Tiefgarage führen.

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von Manfred Kriener

Alle Frühwarnsysteme haben versagt: Der Ölpreis ist auf über 135 Dollar gesprungen. Er hat Anfang Juni mit elf Dollar Aufschlag an einem einzigen Tag mehr zugelegt als noch zu Beginn dieses Jahrzehnts in einem ganzen Jahr. So schlittert die Welt 35 Jahre nach den autofreien Sonntagen der 70er Jahre in eine neue Ölpreiskrise. Oder sollen wir schon von einer Versorgungskrise reden? Das böse Wort wird inzwischen selbst von der Internationalen Energie-Agentur in den Mund genommen: »Aufseiten der Ölförderung sehen wir ein steiles Absinken der Fördermengen aus den existierenden Ölfeldern … Genau 12,5 Millionen Barrel pro Tag fehlen uns … Es könnte einen Versorgungseinbruch und eskalierende Preise bedeuten.« Deutlicher als IEA-Chefökonom Fatih Birol kann man es kaum sagen. Und mittendrin im Strudel steht das Leitprodukt unseres energiefressenden Lebensstils: das Automobil.

Eskalation unter der Motorhaube

Mit einer wahren Eskalation unter der Motorhaube hat sich das »Fortbewegungsmittel « in einen emotionsgeladenen Rennwagen verwandelt. Wir fahren heute mit einem Auto zum Brötchen holen um die Ecke, mit dem wir noch vor 25 Jahren den Großen Preis von Deutschland gewonnen hätten. Mehr Geschwindigkeit, mehr PS, mehr Zylinder, mehr Hubraum, mehr Gewicht, mehr Verfügungsmacht. Auch mehr Spaß? Appelle an die gesellschaftliche Restvernunft können wir uns getrost sparen. Damit werden wir die gebotene Abrüstung in der Tiefgarage nicht in Gang bringen. Das wird jetzt, so ist zu befürchten, der Ölpreis auf die brachiale Tour besorgen. In den USA hat General Motors angekündigt, seine Monstermarke »Hummer« abzustoßen, Porsche, Pickups und große Allradwagen melden kräftige Absatzeinbrüche. Nur die Fahrradindustrie registriert Rekordverkäufe. Vielleicht können wir die Grenzen der Erde tatsächlich nur im Zusammenstoß mit ihnen erfahren, wie es Rudolf Bahro einmal formuliert hat.

Wenn dem so ist, dann fängt es jetzt heftig an zu rumpeln. 850 Millionen Autos fahren heute rund um die Welt, zwei Milliarden sollen es bis 2050 werden. Wie soll das gehen? Der Biosprit wird die Welt sicher nicht von der Beißzange des Ölpreises befreien können. Erst recht nicht von den Klimasorgen. Und er wird auch nicht verhindern, dass wir Abschied nehmen müssen von der Erotik des Rallyestreifens. Und wer jetzt von den Biokraftstoffen der zweiten Generation träumt, von deutscher Technologieführerschaft und weithin strahlenden Leuchtturmprojekten im sächsischen Freiberg, die die große Wende bringen, dem sollte man schnell einen Kalender schenken und darauf das Jahr 2020 ankringeln. Dann werden synthetische Kraftstoffe aus Abfällen oder ganzen Energiepflanzen – vielleicht! – ein paar Promille unseres Spritverbrauchs decken. Bis dahin könnten wir ja mal zeigen, was wir draufhaben. Wir können nämlich Häuser bauen, die mehr Energie liefern, als sie verbrauchen. Wir können mit Ein- und Zwei-Liter-Autos fahren, die intelligent, unglaublich sparsam, leicht und wendig sind. Wir können den öffentlichen Verkehr aus seiner finanziellen Strangulation und vom Stigma der Erbärmlichkeit befreien.

Eine Kultur scheitert

Theoretisch und technologisch ist das alles machbar. Wir scheitern an kulturellen Prägungen und an 40 Jahren Gehirnwäsche, die uns auf sportliches Fahren, Four-wheel-drive und die Pole-Position an der Ampel dressiert haben. Deshalb, so steht es zu befürchten, werden jetzt erst einmal die Populisten in Stellung gehen. Sie werden die Pendlerpausschale fordern und als Wundversorgung gegen explodierende Ölpreise werden sie Abschläge bei Öko- und Mineralölsteuer verlangen. Doch dies alles wird nicht reichen. 95 Jahre nach Henry Fords erstem Automobil vom Fließband hat die zweite, die ungemütliche Halbzeit des Ölzeitalters begonnen. Die Herausforderung besteht darin, die daraus entstehenden Chancen zu erkennen und wahrzunehmen.

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