Diese Worte sind ein Vermächtnis: »Wir können uns nicht mehr hauptsächlich auf wirtschaftliches Wachstum als Problemlöser und Friedensstifter verlassen … Wir haben uns eingeredet, permanentes Wirtschaftswachstum sei die Antwort auf alle Fragen … Doch Demokratie ist mehr als die Sicherstellung materieller Zuwächse … Was in unserem Land wachsen muss, sind vor allem Wissen und Intelligenz.«
Nein, das war keine Rede wild gewordener Greenpeace- oder Attac-Aktivisten. Hier hat der eben aus dem Amt geschiedene Bundespräsident und Diplom-Volkswirt Horst Köhler vor der versammelten Spitze der deutschen Industrienation seinem Unbehagen am Wachstumsdogma Luft gemacht. Und er stand damit nicht allein: Seine Rede zur großen Wirtschaftskrise reiht sich ein in einen Chor wachstumskritischer Äußerungen aus allen Lagern. 38 Jahre nach dem Bestseller »Grenzen des Wachstums« des Club of Rome wird die Endlichkeit unseres Planeten und seiner Reichtümer wieder zum großen Thema. Die schlichte Erkenntnis, dass unendliches Wachstum auf einer endlichen Erde nicht möglich ist – Kinder verstehen das besser als Ökonomen – ist in die Köpfe zurückgekehrt. Überall.
In der Schweiz haben sich ein wachstumskritisches »Netzwerk der Schrumpfung« und eine eigene Radiostation gegründet. Kaufnichts- Tage und Märsche gegen Werbung und Konsum werden organisiert. In Frankreich gibt die starke Bewegung für »decroissance « (Wachstumsrücknahme) eine Monatszeitschrift mit einer Auflage von 45.000 Exemplaren heraus. Umweltminister Borloo springt mit auf den Zug und verspricht, das jährliche Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch ein Nachhaltigkeitsbarometer zu ergänzen. Und in Südamerika fordert der Vorsitzende der verfassungsgebenden Versammlung von Ecuador, der Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta, ein Ende des »immer mehr« und eine neue Wertedebatte. Selbst das World Economic Forum in Davos, Thinktank der Marktgläubigen aus aller Welt, denkt über einen gezähmten Kapitalismus 2.0 nach. Die Bibliothek wachstumskritischer Publikationen wächst so schnell wie die Zahl der Websites und Konferenzen. »Das Wachstumsthema «, sagt der frühere Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer, »ist im Mainstream der globalen Wirtschaftspolitik angekommen.«
In Deutschland wollen SPD und Grüne im Bundestag eine Enquête-Kommission zu Wachstum, Nachhaltigkeit und Fortschritt einrichten und dabei auch nach Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt suchen. Endlich haben auch die Umweltverbände, die jahrelang einen ängstlichen Bogen um das ökologische Ur-Thema machten, die Wachstumsmisere neu entdeckt. Der Deutsche Naturschutzring, Dachverband vieler Umwelt- und Naturschutzorganisationen, ermuntert die Umweltbewegung zu einer »breiten Diskussion über Sinn und Unsinn von Wachstum « und signalisiert, dass sich Grundlegendes ändern müsse: »Allein die Rettungsmaßnahmen nach dem Bankencrash erfordern ein Wirtschaftswachstum von jährlich über sechs Prozent – und das 15 Jahre lang, das ist völlig illusionär. «
Die langjährige BUND-Vorsitzende Angelika Zahrnt will im September ihr Buch zur »Postwachstumsgesellschaft« vorlegen. Für sie steht fest, dass der Klimagipfel von Kopenhagen »an Wachstumsfragen gescheitert ist«. Ihr Credo: Die Kritik am Wirtschaftswachstum »muss tiefer, stärker, weiter werden!« Da kann auch Angela Merkel nicht länger an sich halten. »Das 21. Jahrhundert wird von uns verlangen, dass wir in neuer Form über Wachstum nachdenken«, sagt die Kanzlerin. Eine diffuse Wachstumsskepsis scheint plötzlich allgegenwärtig. Doch das Thema rüttelt am Allerheiligsten, am Evangelium von Politik und Wirtschaft.
Denn in den arbeitsteiligen, von hohen Gewinnerwartungen geprägten Industriegesellschaften herrscht längst Wachstumszwang. Ohne Wachstum drohen Wirtschaft, Sozial- und Gesundheitssysteme zusammenzubrechen, ganze Nationen in Depressionen zu fallen. Dabei ist es erst 76 Jahre her, seit der russisch- amerikanische Ökonom Simon Kuznet die Welt statistisch in die Lage versetzte, eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aufzustellen. Zuvor musste die Menschheit über Tausende von Jahren ganz ohne BIP, Kaufkraft-Barometer und zackige Wachstumskurven auskommen. Trotz dieser relativ jungen Geschichte hat sich die Vorstellung vom unablässigen Wachstum längst »in unseren Innenwelten installiert«, wie der Sozialwissenschaftler Harald Welzer formuliert: »Kein Lebenslauf, kein Karriereentwurf und kein Bausparvertrag, der nicht von einer Zukunftsvorstellung getragen wäre, in der von allem mehr da ist.« Bis in die kleinsten Nischen unserer Lebenswelt, so Welzer, und tief in die Erziehungsnormen hinein habe sich das Wachstumsvirus eingenistet. Die mentale Schwerkraft dieser Steigerungslogik ist gewaltig. Wir können uns ein Leben und Wirtschaften ohne Wachstum einfach nicht mehr vorstellen. So hält die Welt – Klimakollaps und geschändete Umwelt hin, Ressourcenhunger und Energiekrise her – am Bestehenden fest: schneller, weiter, höher, um jeden Preis. Wir wollen nicht nur Wachstum, sondern ein Wachstum des Wachstums und notfalls muss uns ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz wieder auf Kurs bringen – inklusive Abwrackprämie für die Zerstörung funktionstüchtiger Gebrauchsgüter.
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