Cancún hat vor allem zwei wichtige Dinge gebracht. Erstens wurde ein Kollaps der internationalen Klimaschutzbemühungen unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen verhindert – nach dem Kopenhagen-Fiasko 2009 keine Selbstverständlichkeit. Zweitens hat sich die Weltgemeinschaft erstmals auf ein konkretes, quantitatives Ziel der Klimapolitik geeinigt: die Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal zwei Grad Celsius. Seit dem Erdgipfel in Rio 1992 hatte man mit dem vagen Ziel der damals verabschiedeten Klimarahmenkonvention (UNFCCC) arbeiten müssen, einen »gefährlichen Eingriff in das Klimasystem« zu verhindern – ohne sich einigen zu können, was das konkret bedeutet.
Andererseits hat Cancún zwei wichtige Dinge nicht erfüllt. Erstens blieb die Zukunft des Kyoto-Protokolls offen, das schon im nächsten Jahr ausläuft – ob eine Anschlussvereinbarung im kommenden Dezember in Durban erreicht werden kann, steht in den Sternen. Das Kyoto-Protokoll unter der UNFCCC ist trotz aller Schwächen das einzige internationale Abkommen, das verpflichtende CO2-Emissionsminderungen vorschreibt, und die erste Vertragsperiode bis 2012 sollte erst der Anfang sein.
Zweitens sind die in Cancún von den jeweiligen Ländern zugesagten Emissionsminderungen bei weitem nicht ausreichend, um die Zwei-Grad-Leitplanke einzuhalten. Sie steuern vielmehr auf drei bis vier Grad globale Erwärmung zu. Stellen wir diesen ernüchternden politischen Realitäten die wichtigsten physikalischen Randbedingungen gegenüber. Die globale Erwärmung schreitet ungebremst voran. 2010 war das global wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Manche Folgen der Erwärmung überholen die Prognosen der Klimaforscher, etwa der Meeresspiegelanstieg und der Eisschwund in der Arktis.
Auch die »nie da gewesene Folge von extremen Wetterereignissen« (so die World Meteorological Organisation in Genf) steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung. Die wissenschaftliche Einschätzung wichtiger Risiken der Erwärmung ist in den letzten Jahren deutlich pessimistischer geworden. Das betrifft den Meeresspiegelanstieg, der schon bis Ende des Jahrhunderts beim mehr als einem Meter liegen könnte, und die Gefahr, »Kipp-Punkte« des Klimasystems zu überschreiten und dabei den grönländischen Eisschild zu destabilisieren oder große Methanmengen aus dem Permafrost freizusetzen. Eine Stabilisierung des Klimas verlangt auf längere Sicht Nullemissionen an CO2, weil das sehr langlebige CO2 sich sonst immer mehr in der Atmosphäre anreichert. Je nachdem wie viel CO2 noch vorher freigesetzt wird, wird die globale Erwärmung auf einem niedrigeren oder höheren Temperaturniveau gestoppt.
Zurückdrehen kann man eine einmal erreichte Erwärmung praktisch nicht. Um wahrscheinlich unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben, können weltweit in den nächsten Jahrzehnten nur noch rund 750 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen werden. Dieses Kontingent von 750 Milliarden Tonnen werden wir beim heutigen Emissionsniveau schon in weniger als 25 Jahren aufgebraucht haben. Ist die Trendwende zu global fallenden Emissionen nicht spätestens in zehn Jahren geschafft, wird die Zwei-Grad-Grenze kaum noch zu halten sein.
Es ergeben sich also drei Konsequenzen:
- Erstens ist die in Cancún beschlossene Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad heute dringlicher denn je.
- Zweitens bedeutet sie einen radikalen Ausstieg aus unserer Kohlenstoffabhängigkeit – eine große Transformation zu einer dekarbonisierten Weltwirtschaft.
- Und drittens ist die Zeit für diese Transformation sehr knapp. Tatsächlich lassen die neueren wissenschaftlichen Resultate befürchten, dass auch bei zwei Grad Erwärmung der Untergang ganzer Inselstaaten nicht mehr zu verhindern sein wird.
Das wissen die Menschen dort, und haben darum in Cancún durchgesetzt, dass 2015 die Obergrenze von zwei Grad überprüft und gegebenenfalls auf 1,5 Grad gesenkt werden soll. Dann könnte die paradoxe Situation entstehen, dass die Weltgemeinschaft eine 1,5-Grad-Leitplanke für notwendig hält, diese aber praktisch nicht mehr erreichen kann.
Aus der nötigen Geschwindigkeit der umfassenden Transformation ergibt sich, dass bei den UN-Verhandlungen das Tempo nicht von den Langsamsten bestimmt werden darf. Im Zweifel müssen die entschlossenen Länder auch ohne die USA vorangehen (»Vergesst Amerika!«, zeo2 1/2011).
Wir haben auch keine Zeit abzuwarten, bis den schneckenhaft dahinkriechenden UN-Verhandlungen der große Wurf gelingt: das verbindliche, globale Klimaschutzabkommen. Die Klimawende muss hier und heute vorangebracht werden. Und zwar so, wie sich alle großen gesellschaftlichen Veränderungen anbahnen: indem viele vorausschauende Menschen sich in Firmen, in Verwaltungen oder in ihrem täglichen Umfeld dafür engagieren. Die Sozialwissenschaftler nennen sie »change agents«; die Agenten des Wandels. Dazu gehört etwa, dass die EU unabhängig vom Verlauf der UNVerhandlungen eine Emissionsreduktion von 30 Prozent gegenüber 1990 bis 2020 erreicht. Alles andere wäre ein Abbremsen der schon laufenden Klimaschutzdynamik, durch die die EU ihre Kyoto-Ziele bis 2012 ja schon mehr als erfüllen wird.
Dazu gehören die fantastischen Fortschritte bei den erneuerbaren Energien. Wenn das Wachstum auch in den nächsten 30 Jahren durchgehalten wird, dann können wir die Klimakrise in den Griff bekommen. Immer mehr Studien zeigen, dass wir bis Mitte des Jahrhunderts unseren Strom zu 100 Prozent aus Erneuerbaren beziehen können – noch vor nicht allzu langer Zeit galt dies als utopisch. Und dazu gehören wir letztlich alle, die wir über unsere Konsumgewohnheiten nachdenken und uns auch in der Verantwortung für unsere Kinder und Enkel fragen müssen, was ein gutes Leben wirklich bedeutet. Und dann danach handeln: von den sprichwörtlichen Energiesparbirnen bis zur Ernährung mit weniger Fleisch, dem Bezug von Ökostrom, der Dämmung des Hauses oder dem Fahrrad für die Alltagsmobilität. Ohne den praktischen Fortschritt beim Klimaschutz »on the ground« – also ohne dass wir zeigen, dass ein besseres Leben mit weniger klimaschädlichen Emissionen möglich ist – wird auch der Durchbruch bei den globalen Verhandlungen kaum gelingen.
Stefan Rahmstorf ist Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
