www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 6. September 2010

Kesseltreiben gegen Klimaforscher

Zwei Fehler finden sich in dem 2.800 Seiten starken Bericht des Weltklimarates IPCC. Und die betreffen noch nicht einmal den wissenschaftlichen Kern des Ganzen. Trotzdem erleben Klimaforscher ein nie gekanntes Kesseltreiben. Was steckt dahinter?

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von Stefan Rahmstorf

Seit mehr als zwanzig Jahren arbeite ich in der Klimaforschung, und in dieser Zeit habe ich schon so manches durch den Blätterwald rauschen sehen, das bei einem Wissenschaftler nur ein ungläubiges Kopfschütteln auslösen kann. Da wurde ich etwa 1999 vom Hamburger Abendblatt als »Eiszeitprophet« gefeiert, weil ich angeblich eine neue Eiszeit vorhergesagt hätte (völliger Unsinn, aber noch oft in anderen Medien wiederholt). Oder der Spiegel brachte 2001 eine große Geschichte zu den »Launen der Sonne«, in der unser Zentralgestirn für die globale Erwärmung verantwortlich gemacht wurde – auf Basis einer zehn Jahre alten Datenanalyse, die inzwischen längst von den Autoren als fehlerhaft zurückgezogen worden war.

Ich könnte zahlreiche Beispiele anführen, etwa den Focus-Titel vom Januar, in der ein angeblicher »Forscherstreit« über eine vermeintlich drohende »Kalt-Zeit« herbeigeschrieben wurde. Doch auch für einen mit einer gesunden Portion Medien-Zynismus abgehärteten Forscher hatte die Kampagne der letzten Wochen gegen das IPCC eine neue Qualität des Surrealen.

Auslöser war ein peinlicher Fehler im 2007 erschienenen Weltklimabericht – einem dreibändigen, 2.800-Seiten-Werk, in dem 450 Hauptautoren die Ergebnisse von rund 18.000 zitierten Studien der Fachliteratur zusammenfassen. Aus einer dieser Quellen war die falsche Zahl zitiert worden, bis zum Jahr 2035 werde wahrscheinlich ein Großteil der Himalaya-Gletscher abgeschmolzen sein. Dieser Fehler war durchgerutscht, weil er nicht im klimatologischen Teil des Berichts (also in Band 1) auftrat, wo Gletscherexperten ausführlich und korrekt den vergangenen und künftigen Gletscherschwund diskutieren. Sondern in Band 2, in einem Regionalkapitel zu Asien, in dem Sozialwissenschaftler und Ökologen aus der Region die Folgen des Klimawandels auf Gesellschaft und Ökosysteme diskutieren. Dies hätte natürlich auf Basis der eigentlichen Gletscherprognosen des IPCC – denen aus Band 1 des Berichts – geschehen müssen, statt eine unzuverlässige externe Quelle zu zitieren.

Verschlimmert wurde der Fehler durch die desorganisierte Reaktion des IPCC, das im Wesentlichen aus einer großen Zahl ehrenamtlicher Wissenschaftler besteht – und keine schlagkräftige Organisation besitzt, die rasch auf Fehler reagieren und Dinge richtigstellen kann. So wurde das IPCC auch weitgehend hilflos Opfer der nun folgenden medialen Standpauke, in der zunächst die beiden falschen Sätze auf Seite 493 von Band 2 zu »einer der zentralen Prognosen des IPCC« (so etwa die taz) hochgejubelt wurden – obwohl dies in keiner der Zusammenfassungen für Entscheidungsträger auftaucht und den eigentlichen Gletscherprognosen des IPCC eklatant widerspricht. Der Fehler wurde dann als »Himalayagate« skandalisiert. Weitere »Gates« folgten im Wochentakt – fast alle aus der Feder eines einzigen Journalisten der Sunday Times. Zum Beispiel »Seagate «: fälschlicherweise war im IPCC-Bericht die Fläche Hollands unter dem Meeresspiegel mit 55 Prozent angegeben. Die holländische Umweltministerin schimpfte, weitere Fehler des IPCC werde sie nicht dulden. Peinlich nur, dass die falsche Zahl dem IPCC von ihrem eigenen Ministerium gemeldet worden war.

Weitere »Gates« erwiesen sich bei Nachforschung als haltlos – etwa »Amazongate«, wo das IPCC angeblich falsche Angaben zu Dürrerisiken im Amazonas gemacht hatte, die aber völlig korrekt die wissenschaftliche Fachliteratur wiedergeben. Die Welt wusste gar, die wissenschaftliche Grundlage für »angeblich heftiger gewordene Naturkatastrophen« sei »hanebüchen«. Das bezog sich auf einen weiteren angeblichen (aber nicht tatsächlichen) IPCC-Fehler, nämlich die Diskussion einer Studie, die in den Statistiken über finanzielle Schäden durch Naturkatastrophen einen marginal statistisch signifikanten Beitrag des Klimawandels gefunden hatte. Wohlgemerkt ging es dabei überhaupt nicht um die Frage, ob Wetterextreme zugenommen haben (das ist mit klimatologischen Messungen in Band 1 des IPCC-Berichts belegt), sondern nur darum, ob der Effekt auf die Schadenssummen signifikant nachweisbar ist – was wegen der vielen anderen Einflussfaktoren nicht so leicht ist.

Die Vorwürfe wurden im Stile von Enthüllungen von fast allen anderen Medien kritiklos übernommen – so ähnlich wie vor einigen Monaten die Vorwürfe von Datenmanipulation im Zusammenhang mit gestohlenen Klimaforscher-E-Mails, über die immer wieder berichtet wird, ohne zu prüfen, was dran ist (nämlich nichts). Kaum jemand fragt kritisch, wer derartige Vorwürfe erhebt, und weshalb. Rational begründet und nachvollziehbar ist das Ausmaß des »IPCC-bashing« in den Medien nicht. Ein oder zwei Fehler tauchen in einem 2.800-Seiten-Bericht auf, in dem nach wie vor 99,9 Prozent korrekt ist (anders als in den Medienberichten dazu). Wo Menschen arbeiten, können Fehler passieren – man kann nur noch härter arbeiten, um solche Fehler künftig zu vermeiden. Aber Zweifel gerade an den klimatologischen Grundlagen – etwa der Tatsache, dass der Mensch überwiegend den aktuellen Klimawandel verursacht, und damit zum Beispiel den Gletscherschwund und den beobachteten Anstieg des Meeresspiegels – sind so nicht zu begründen. Keiner der angeblichen oder echten Fehler betrifft überhaupt Band 1 des Berichts, also den klimatologischen Teil.

Die Gründe müssen tiefer liegen. Vielleicht gibt es eine Art psychologische Abwehrreaktion der Gesellschaft gegen unbequeme Fakten, über die ja in den Vormonaten, im Zusammenhang mit dem Kopenhagen-Gipfel, bis zum Überdruss berichtet worden war? Gerade nach dem Scheitern von Kopenhagen ist der innere Wunsch groß, die Klimakrise sei vielleicht doch nicht ganz so drängend wie gedacht.

Wie dem auch sei – dem Klimasystem sind unsere Befindlichkeiten egal. 2009 war nach den NASA-Daten der bodennahen Temperaturen das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor 130 Jahren, übertroffen nur von 2005. Auf der Südhalbkugel war es sogar mit Abstand das wärmste Jahr. Dies übrigens trotz der schwächelnden Sonne, deren Leuchtkraft in den letzten Jahren den tiefsten Stand seit Beginn der Satellitenmessungen in den 1970ern erreicht hat. Und der kalte Winter? Man sollte nie das lokale Wetter mit dem globalen Klima verwechseln. Der abgelaufene Januar war nach den Bodendaten global der zweitwärmste, übertroffen nur vom Januar 2007. In den Satellitendaten war es sogar der wärmste Januar überhaupt.

Stefan Rahmstorf ist Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Mitautor der Berichte des IPCC

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