Blau oder Rot? Illusionen bewahren oder Probleme entsorgen? Keanu Reeves hatte in Matrix mit dieser Fangfrage gerungen, aber auch wir können (auf Empfehlung einer freundlichen Autorin) diese riskant rote Pille der Realität einnehmen. Und uns in Annie Leonards Buch umschauen, The Story of Stuff – Wie wir unsere Erde zumüllen, noch ein Text über die bösen Auswirkungen des Kapitalismus. Den wir zwar kritisieren, aber doch nicht ändern können. „Stop!“ ruft die Verfasserin, „klar können wir das!“ Weil Frau Leonard Charme, Mut und vielfältigste Müllerfahrungen besitzt, lesen wir weiter. Dabei stellt sich heraus, dass die US-Amerikanerin ihren Wirklichkeitsschock schon als Studentin bekam, im New York der unzähligen täglichen Abfallsäcke und der ausgelagerten gigantischen Mülldeponien. Was sie auch jahrelang für Greenpeace und Co um die Erde trieb, etwa auf den Spuren giftiger Müllverbrennungsanlagen-Asche aus Philadelphia, die in Haiti an einen Strand gekippt werden sollte (und wurde).
Irgendwann beschloss Annie Leonard, die Entsorgungsproblematik auf den Kopf zu stellen und über deren Ursache nachzudenken: warum jeder so unglücklich den Waren hinterher rennt und sie dann so bizarr schnell zu Müll umdeutet. Daraus entstand eine Weltreise zu den Hintergründen der Kapitel Rohstoffgewinnung, Produktion, Distribution, Konsum, Entsorgung, eine globale story of stuff, die erschreckend grausame Geschichte all des Zeugs für unseren zwanghaften Konsumismus. Leonards Ziel überholt dabei den Herrschaftsanspruch des Recycling: Weniger kaufen und mehr (miteinander) reden, sagt sie. Damit ihre Message nicht nur Ökos erreicht, hat Annie Leonard 2007 einen Animationsfilm konzipiert. In dem die simplen Umrisse von Fabriken, Tannenbäumen, Totenköpfen, Plastikradios und Industriellen auftreten sowie die Umweltaktivistin selbst, gestikulierend, erklärend, intensiv. Das 20minütige Werk rast seither millionenfach gesehen durchs Internet, etwa hier.
Das gleichnamige Buch liefert nun Unmengen überzeugend schockierender Zahlen als Belege – und die Ehrlichkeit einer Person, die sich als Teil des Systems erkennt. Und wirklich viele Ideen vorstellt, wie selbst Einzelne etwas gegen den Planeten Müll tun können bzw. für die eigene glückselige Zufriedenheit, ob Amerikaner, Asiaten oder Europäer, Autoren oder Leser. Auch ich erwäge jetzt, als Kompostierer ausgebildete Regenwürmer endlich zu Mitbewohnern zu machen. Oder beim Schwätzchen im Treppenhaus den Nachbarn vorzuschlagen, eine gemeinsame Null-Müll-Party zu feiern, mit ein paar von diesen interessant roten Pillen.
The Story of Stuff – Wie wir unsere Erde zumüllen
Econ: Berlin 2010
399 Seiten, 18 €
ISBN-10: 3430200830


