www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 17. May 2012

Nachruf auf Hermann Scheer

von zeo2

Den Durchbruch seiner Idee hat er noch erlebt. Den endgültigen Triumph nicht mehr. Der SPD-Umweltpolitiker und Präsident von Eurosolar, Hermann Scheer ist tot. Er starb völlig unerwartet am Donnerstag (14. Oktober) in einem Berliner Krankenhaus, in das er sich wegen einer Herzschwäche begeben hatte, im Alter von 66 Jahren.

Hermann Scheer war mehr als nur ein „streitbarer“ Politiker. Dieses Attribut, das eigenständigen Denkern gerne zugeschrieben wird, ist bei ihm grob untertrieben. Scheer lag ständig im Streit mit der herrschenden Energie- und Umweltpolitik. Der Kampf gegen die großen Energiekonzerne, gegen die atomar-fossile „energiepolitische Steinzeit“ und ihre Propagandisten war sein tägliches Brot.

Darin war er grüner als die Grünen und linker als die Linke. Während alte Mitstreiter ihre Allianzen und Übereinkünfte mit den beherrschenden Giganten der Energiewirtschaft schlossen, lehnte Scheer die Konzerne weiter als unreformierbar ab. Dezentrale, erneuerbare Energieversorgung und Unternehmen mit milliarden-schweren Besitzständen in Atom- und Kohlekraftwerken schlossen sich für ihn grundsätzlich aus. Jede Verlautbarung dieser Industrie pro-Erneuerbare war für Scheer nur Ablenkungsmanöver, nur Greenwashing. Ihr wahres Interesse sei die „Aufrechterhaltung des Erzeugungsmonopols“, jedes Bündnis mit ihnen war ihm darum „ein Pakt mit dem Teufel“. Durch die Ergebnisse des Energiekonzeptes der Bundesregierung fühlte er sich bestätigt.

Mit großer Lust, begrifflicher Schärfe, unermüdlichem Antrieb und unendlicher Medienpräsenz trieb er die Energiedebatte vor sich her. Kaum ein energiepolitisches Thema, bei dem Scheer nicht seine eigene Duftmarke setzte. Er giftete gegen den schneckenhaften Kyoto-Prozess in der internationalen Klimapolitik, den er ganz grundsätzlich als die falsche Strategie ablehnte. Er stritt gegen gigantomanische Großprojekte wie Desertec, und auch bei den Offshore-Windparks wetterte er gegen Hochspannungskabelnetze durch die Nordsee, die nur den „Energiekonzernen in die Hände spielen“.

Er legte sich auch oft genug mit den Umweltverbänden an – zuletzt beim Elektroauto. Die Verbände rollten angesichts Scheers Trommelfeuer gegen die Energiekonzerne manchmal mit den Augen, schätzten udn respektierten ihn aber gleichzeitig als originellen und kämpferischen Vordenker. Dass Scheer im Laufe der letzten Jahre mit dem spektakulären Siegeszug der Erneuerbaren Energien mehr und mehr recht behalten hat, das konnte seinen Elan nicht bremsen. Sein neues Buch (“Der energethische Imperativ – 100 Prozent jetzt”) liegt frisch gedruckt in den Buchhandlungen. Ein typischer Scheer. Er predigt darin zwar nicht den Sofortismus der Öko-Fundamentalisten. Aber er drückt aufs Tempo, fordert den vollständigen Umstieg auf die Erneuerbaren „im Zeitraum etwas eines Vierteljahrhunderts“, und er seziert den scheinbaren und wie Scheer meint, vordergründigen Konsens, dass plötzlich alle auf die „salonfähig“ gewordene Energie aus Wind, Sonne und Biomasse setzen. Doch der Bestand fossiler und atomarer Energiesysteme bleibe nach wie vor unangetastet, analysiert Scheer, der eigentliche Konflikt um die Energiezukunft habe erst begonnen.

Ungeachtet des aktuellen politischen Streits bleibt Scheers große Lebensleistung, dass er die Energiewende und das grüne Wirtschaftswunder der Solar- und Windenergie nicht nur immer wieder gedacht, beschrieben und gefordert, sondern auch in den Niederungen der Realpolitik wesentlich mit angeschoben hat.

Vom 1000-Dächer-Programm bis zum Erneuerbaren-Energie-Gesetz hat er im politischen Alltag seine Spuren hinterlassen. Dafür wurde er nicht nur als „Sonnengott“ und „Solarpapst“ bezeichnet – mal bewundernd, mal spöttisch. Sondern auch immer wieder ausgezeichnet: 1998 hatte er den Weltsolarpreis erhalten, 1999 wurde er mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt. Zum “Hero for the Green Century”, zum Helden des grünen Jahrhunderts ernannte ihn das Time-Magazine.

Dass er eigentlich in der falschen Partei war, das war für den grünen Hermann Scheer schon eine Art running gag. Zumal er zuletzt mit ansah, wie die Grünen ausgerechnet auch mit diesen Energie- und Umweltthemen Themen über die SPD hinauswuchsen. Von zeo2 um einen Kommentar zum Höhenflug der Öko-Partei gebeten, sagte er erst vor wenigen Wochen: »Das Energie- und Ökologiethema ist ein ›fundamentum in re‹. Die Grünen hinterlassen hier die größere Eindeutigkeit. Sie profitieren auch davon, dass ihr Name nicht aus einer Abkürzung, sondern aus einem Eigenschaftswort besteht. Die Krisen sind der Verstärker für diese Entwicklung.« Da klingt durch, wie dringend nötig aus seiner Sicht auch seine eigene Partei ein solches Fundamentum hätte.

Er war der SPD 1965 beigetreten und saß seit 1980 im Bundestag – ein linker Sozialdemokrat mit großem moralischen Gewissen, der auch gerne mal von den eigenen Genossen als Öko-Spinner abgekanzelt wurde.

Doch sein Einfluss wuchs mit der Karriere grüner Ideen, fast wäre er hessischer Wirtschafts- und Umweltminister geworden. Vor zwei Jahren zog er mit Andrea Ypsilanti in den hessischen Landtagswahlkampf und scheiterte an jenen SPD-Abgeordneten, die ein Zusammengehen mit der Linkspartei ablehnten. Scheer hätte sie ab liebsten aus der Partei geworfen, was ihm den Vorwurf des „Stalinismus“ einbrachte.

Scheer war zielstrebig und nicht zimperlich. Vielleicht hängt das mit seiner sportlichen Karriere zusammen 1944 im hessischen Wehrheim geboren und in Berlin aufgewachsen, war er ein erfolgreicher Schwimmer. Als Fünfkämpfer schaffte er es sogar in die Nationalmannschaft. In Heidelberg und Berlin studierte er später Politik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. In den 80er Jahren machte er zunächst als Friedenspolitiker Furore und kämpfte hartnäckig gegen Nachrüstung und Atomraketen.

Scheer hinterlässt eine Frau, ein Kind und seine sechs Jahre alte Enkelin Lili, der er sein neues Buch gewidmet hat.

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