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www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 5. February 2012

Kommentar

Die Ökonomisierung der Natur wird Pflanzen, Tiere und Lebensräume nicht retten. Denn oft ist die Natur für die Wirtschaft umso wertvoller, je kaputter sie ist.

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von Ulrike Fokken

Kennen Sie den Hauhechel-Bläuling? Er gehört zur Familie der Bläulinge, einer eigenwilligen Schmetterlingsart, deren Mitglieder sich im Lauf der Evolution auf wenige Blumen- und Gräserarten kapriziert haben. Einem Bläuling haben es die Blütenpflanzen der Hauhecheln angetan, wobei er auch gemeinen Bockshornklee zur Eiablage und Raupenzucht nicht verschmäht. Sein Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt dürfte bescheiden sein, wobei wir das gar nicht genau wissen und auch nicht wissen wollen.

Hauhecheln bevorzugen Magerwiesen, also jene nährstoffarmen Böden am Rande landwirtschaftlicher Kulturflächen, die dank EU-Stilllegungsprämien bislang nicht von der Agrarwirtschaft genutzt werden. Seitdem jedoch Biodiesel die Industriegesellschaft retten soll, reichen die Äcker für den wuchernden Rapsanbau nicht mehr aus, und die letzten Magerwiesen werden mit ein wenig Dünger fit gemacht für die Marktwirtschaft. Noch können sich Naturschützer hin und wieder durchsetzen und die artenreichen Wiesen vor dem Zugriff des Agrarmolochs retten. Doch die Zeiten des wertlosen Gesumses in der Feldflur werden bald vorbei sein. Umweltminister Sigmar Gabriel schickt seit geraumer Zeit Boten aus, um die Arten im Land zu schätzen. Er will wissen, welchen Wert Pflanzen und Tieren für den Menschen haben und dann gegenüber der Wirtschaft mit dem Schatz der Biodiversität wuchern.

Tiere und Pflanzen sollen sich nicht im Unterholz verstecken

Gabriel verkündet gern, wie die Vorbilder der Natur die Erfindungsgabe des Menschen beflügeln und finanziell verwertbare Produkte zu Tage fördern. So wie die Bauindustrie dem Lotusblatt die Idee der selbstreinigenden Ziegel verdankt. Seitdem vergeht kein Tag, an dem nicht die große wirtschaftliche Bedeutung der Artenvielfalt gerühmt wird. Tatsächlich liegen die Erfolge vieler Unternehmen im Artenreichtum der Natur. Was wäre die deutsche Pharmaindustrie ohne die Salicylsäure aus der Weidenrinde und dem daraus entwickelten Aspirin? In Zeiten globalisierten Wettbewerbs kann sich aber weder die Pharmabranche noch eine andere Industrie eine Entwicklungszeit von einem knappen Jahrhundert wie im Falle des Aspirins leisten.

Mehr denn je kommt es darauf an, schnell verwertbare Schätze in der Natur zu finden. Was liegt da also näher, als – wie die Ölsucher durch die Wüste – durch Wald und Wiese zu laufen und nach wirtschaftlich verwertbaren Tieren und Pflanzen zu fahnden. In Zeiten, da die alten fossilen und mineralischen Rohstoffe zur Neige gehen, muss mehr und mehr die Natur einspringen und Lücken schließen. Nach 200 Jahren Aufklärung und der wirtschaftlich erfolgreichen Trennung von unbelebter und belebter Natur, dürfen Tiere und Pflanzen ihre Schätze nicht länger im Dickicht des Unterholzes verstecken. Eile ist geboten, denn der Artentod könnte eine Pflanze dahinraffen, bevor die Industrie eine Gesichtscreme daraus entwickelt hat. So wird es den bekannten und unbekannten Arten der Welt nichts nutzen, wenn der Mensch ihren Wert in Euro und Cent beziffert. Wenn Primaten unter dem Primat des Geldes stehen, werden die Lebensräume der Orang-Utans oder Gorillas in den letzten Urwäldern absurderweise umso billiger, je weniger Arten darin überleben. Das dann finanziell wertlose Land ließe sich jedoch durch den Anbau von Energiepflanzen veredeln. Und so wird auch unser kleiner blauer Schmetterling von den struppigen Wiesen Deutschlands verschwinden, wenn er mit Arbeitsplätzen und Wirtschaftsinteressen verrechnet wird. Nicht die Ökonomisierung der Natur wird Leben schützen, sondern das Wissen, dass Pflanzen, Tiere und Lebensräume jenseits von Euro und Cent einen eigenen ethischen und ästhetischen Wert haben.

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