Der Barracuda ist wieder da und auch der Buckel- Schnapper glänzt im roséfarbenen Outfit. Die heimischen Fischer an der somalischen und kenianischen Küste freuen sich über die beste Saison aller Zeiten. Den Piraten sei Dank. Seit die großen industriellen Fangschiffe das gefährliche Horn von Afrika meiden, um nicht gekapert zu werden, haben sich die Bestände der Meerestiere dramatisch erholt. Die kleinen Fischer verdienen jetzt so viel, dass sie ihre Kinder auch wieder zur Schule schicken können.
Somalia und Kenia sind die große Ausnahme. Die weltweite Krise der Ozeane ist ungebrochen. Nach Zahlen der Welternährungsorganisation FAO werden nur 20 Prozent der Bestände moderat und damit nachhaltig befischt. 28 Prozent gelten laut FAO als »überfischt, entleert oder kollabiert«. Und 52 Prozent werden bis an die gerade noch tolerierbare äußerste Grenze befischt. Das bedeutet: optimale Nutzung, aber auch größte Gefahr, über die Grenze hinaus zu schießen. 43,5 Millionen Menschen leben vom Fisch. 2,1 Millionen Fischerboote sind weltweit im Einsatz. Sie werden dieses Jahr aus den Meeren zwischen 80 und 85 Millionen Tonnen Fisch erbeuten – immer kleinere und jüngere Exemplare. Die großen alten Raubfische sind weitgehend verschwunden.
»Der Fischfang wird dominiert von den Fischen am Ende der Nahrungskette«, bilanziert Rashid Sumaila, Direktor für Fischereiwirtschaft an der British Columbia Universität. Seine Bestandsaufnahme zur »Verwundbarkeit und Nachhaltigkeit der weltweiten Fischbestände « datiert den Höhepunkt der Fischerei auf Ende der 80er Jahre. Nominal sind die Fänge seitdem zwar noch etwas gestiegen, aber nur dank der Anchovis-Fischerei vor Peru. Weil diese Fänge ausschließlich zu Fischmehl für Aquakulturen verarbeitet werden, zieht er sie vom weltweiten Ertrag ab und kommt so zu seinem überraschenden Ergebnis: Seit Ende der 80er Jahre, als die 80 Millionen-Tonnen-Grenze beim weltweiten Fischfang überschritten wurde, geht es leicht bergab. Während die Weltbevölkerung auf die Zahl von sieben Milliarden hungriger Mäuler zurast, kann die Versorgung mit der weltweit wichtigsten Proteinquelle nur durch die immer schnellere Ausweitung der Aquakulturen gesichert werden, die aber selbst große Mengen Wildfisch zur Fütterung der Mastfische verbraucht.
Selbst die Tiefssee muss herhalten
Das gilt nicht für die »karpfenartigen« Pflanzenfresser, die vor allem in China gehalten werden, aber für die wachsende Produktion von Lachs und anderen Raubfischen an europäischen Küsten. Und nach dem Vordringen der Fischerei in die Tiefsee gibt es keine unausgebeuteten Reserven mehr, auf die man noch zurückgreifen könnte. Den wirtschaftlichen Schaden durch Überfischung beziffert die Weltbank auf jährlich 50 Milliarden Dollar. Europa steht in Sachen Überfischung an der Spitze. Hier sind nach den strengeren Kriterien der EU-Kommission 88 Prozent der Bestände überfischt. Die Mechanik des Niedergangs mutet beinahe wahnwitzig an. Denn wenn die Fischer Kabeljau, Scholle & Co. eine Schonzeit von einigen Jahren ließen, könnten sie anschließend deutlich mehr fangen und verkaufen. Rainer Froese, Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, kalkuliert das zusätzliche Fangpotenzial auf 60 Prozent. Das entspricht etwa dem gesamten Fischimport der EU im Wert von mehr als 15 Milliarden Euro. Ein Drittel der europäischen Bestände sind inzwischen so weit unten, dass sie Jahre brauchen werden, um sich zu erholen. »Wir sprechen bei den Fischen zwar nicht vom Aussterben«, sagt Karoline Schacht, Fischereiexpertin des WWF in Hamburg. In den Weiten der Meere werden sich immer einige Tiere verstecken können. Aber die großen Schwärme verschwinden. Das bekannteste Beispiel dafür sind die gigantischen Vorkommen des Kabeljau vor Neufundland, die sich nach dem Fangverbot von 1993 nie mehr erholt haben. Auch der Nordsee-Kabeljau ist inzwischen auf ein Fünftel des Bestandes der 70er Jahre gestürzt. Immerhin: Der gierige Raubfisch hat bessere Chancen sich zu erholen, weil er sich in der Nordsee schneller vermehren kann…
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