Die Ururgroßmutter wird von einer Löwin angefallen, weggeschleppt und gefressen. Alle glauben an Hexen oder fürchten sich vor dämonischen Hyänen oder jenem Serienkiller-Nashorn, das eine schlimme Zeit lang den Mitbürgern Malawis an Wasserstellen auflauert. Ein Junge lebt mit seiner Familie auf einer Farm, die bei der Dürre 2001 mit dem ganzen Land in einer monatelangen Hungerkatastrophe unter zu gehen droht. Politiker sind unfähig oder schauen weg vom Elend der Bevölkerung. Das Schulgeld für den Jungen, der aus Mitleid seinen alten verhungernden Hund töten muss, kann nun nicht mehr aufgebracht werden. Da beginnt er, sein Hobby auszubauen, und aus Abfall, Schrott und dem verrosteten, einrädrigen Fahrrad seines Vaters Maschinchen zu basteln, beweglicher als jene legendären Touristensouvenir-Autos aus Draht oder Getränkedosen. So geht es eben zu, „in Afrika“.
Hat man die Fülle aus Klischees über den südlich von Europa gelegenen Kontinent überstanden, kann man sich mit der Langatmigkeit des Buchs Der Junge, der Wind einfing auseinandersetzen. Und irgendwann begreifen, dass es sich wohl nicht um die linear erzählte Gebrauchsanleitung für eine Windraderfindung handelt, sondern um die (von einem US-amerikanischen Koautor bearbeiteten) Memoiren eines 23jährigen Malawiers, der seiner Familie, seinem Dorf sowie seinen eigenen Bemühungen, bitterste Hindernisse und Lernschranken zu überwinden, ein Denkmal geben wollte. Und dann doch noch von den diversen Windrädern berichtet, die er schließlich bauen wird, mit Kronkorken, zusammen gesuchten Metallstückchen, einem in der Grundschulbibliothek ausgeliehenen Physikbuch, viel Enthusiasmus, Trial and Error und natürlich einer Hochbegabung. Windräder, die Glühbirnen in dunkle Hütten und Wasser in zuvor unmögliche Gemüsegärten bringen. Windräder, die retten.
Nebenbei wird aus dem gelegentlich für verrückt gehaltenen Teenager William Kamkwamba ein Erfinder, der Stolz seiner Eltern, ein Anti-AIDS-Aktivist, ein Radioreparierer und Radiostationbetreiber, ein leuchtendes nationales Beispiel für Learning by Doing (oder „Yes we can“), das Interview-Objekt malawischer Topjournalisten, ein internationaler Sellerautor und endlich auch wieder ein Schüler und Student, samt Stipendium. Wäre das nicht eine so erfreuliche Erfolgsstory vom Kampf gegen Hunger, Klima und Verzweiflung, könnte man es für 380 Seiten Propaganda für Genügsamkeit und Machen-wir-kreativ-das-Beste-aus-der-(neuen-)Armut halten.
William Kamkwamba und Bryan Mealer:
Der Junge, der den Wind einfing: Eine afrikanische Heldengeschichte
Irisiana: München 2010
380 Seiten, 19,95€
ISBN 978-3-424-15043-8
