Sexy! Sexy!« rufen die Touristen und drängen sich auf den offenen Jeeps eng zusammen. Staub und Hitze liegen in der Luft. »Oh mein Gott!«, tönt es im Nationalpark Bandhavgarh. »Foto, Foto, mach’ ein Foto.«Die indischen Wälder sind reich. Elefanten, Axishirsche, Pfauen, Leoparden, Adler. Aber der Tiger lässt sie alle verblassen und hier, im Herzen Indiens, kommen Mensch und Raubtier bis auf zwei Meter aneinander heran. Kein Zaun könnte die Wucht der Tiger bremsen, wenn sie jetzt Lust auf Touristen hätten. Doch die Faszination besiegt die Angst: die geflammte Schönheit, die Kraft, der Mythos, Eleganz, Männlichkeit: »Sexy man!« ruft einer. Tigermania auf der Fotosafari.
Tausende Touristen pilgern jedes Jahr in den Park im Herzen Indiens, weil sie wissen, dass sie hier die Katzen zu sehen bekommen, die auch nach tagelanger Tigerpirsch in anderen Schutzzonen meist unsichtbar bleiben. Hier kennen die Führer die Pfade der Tiger, sie kennen jeden einzelnen, sie haben ihnen Namen gegeben: Sika, Bokha oder einfach nur B2. Forscher, Journalisten und immer mehr Amateurvideos tragen die Namen in die Welt. Die Tiger haben einen großen Platz im Herzen der Menschen. Nur Platz zum Leben lassen die Menschen den Tigern immer weniger.
Von den 100.000 Tieren, die noch vor 100 Jahren durch Asien streiften, sind heute nur noch rund 3.500 (siehe Kasten »Schwarzgelbe Vielfalt«) in der Wildnis unterwegs. Die Bestände sind in mehr als 60, oft winzige Areale zerstückelt. Einige bieten kaum mehr als 25 Tigern Platz – wie in Bandhavgarh – und sind alleine nicht überlebensfähig. Dabei steht kein anderes Tier so sehr für die Natur Asiens. Seit Hunderttausenden Jahren ziehen die Raubkatzen durch den Fernen Osten: Über 6.500 Kilometer spannte sich ihr Lebensraum einst von Süden nach Norden, vom tropischen Java bis ins sibirische Bergland. In sämtlichen Ländern, von Indien über Thailand, China bis hoch nach Russland, waren sie zuhause. Selbst in den Bergen rund um das Kaspische Meer, im Iran und Afghanistan. In den Sagen der indianischen Völker sind die Tiere so omnipräsent wie in den Erzählungen Chinas: ob als Beschützer oder als Dämon, ein immer mächtiger, immer gefährlicher Widerpart.
Warum gibt es keine Tiger in Polen?
Die Anpassungsfähigkeit der Katze ist fantastisch: Ihr Zuhause sind die Hitze der Dschungel Südostasiens und die Kälte des russischen Fernen Ostens. Die ältesten, in China gefundenen Fossilien, lagen zwei Millionen Jahre in der Erde – das Tier hat die Entwicklung des Menschen zu allen historischen Zeiten begleitet. Und sich dabei über Warm- und Kaltzeiten hinweg als äußerst anpassungsfähig erwiesen. Bei der kleinsten Art, dem seit 70 Jahren ausgestorbenen Bali- Tiger, wogen die Männchen mit 90 bis 100 Kilo nur so viel wie ein Leopard. Und weniger als ein Drittel dessen, was der mächtige Amur-Tiger auf die Waage bringen kann. Mit mehr als 300 Kilo und vier Metern Länge, von der Schnauze bis zur schwarzen, zuckenden Schwanzspitze, sind die Amur-Tiger die größten Raubkatzen überhaupt – kein Wunder, dass manche Wissenschaftler ihren Stammbaum bis auf den Säbelzahntiger zurückführen wollten. Wenn man alten Berichten glaubt, dann haben Tiger sich bis in die Nähe von Kiew und Moskau vorgewagt. Die Frage sei eigentlich, meint John Vaillant, Autor des Buches »Der Tiger«, warum diese »geschickte und anpassungsfähige Raubkatze sich nicht immer weiter ausgebreitet hat.« Warum gibt es keine Tiger in Polen und Kanada?
Wie viele Tiger in der Antike lebten, weiß niemand. Selbst in Japan hat man Fossilien gefunden. Sicher ist, dass um das Jahr 1900 noch 100.000 Tiger aller acht damals bekannten Arten um den Erdball schlichen. Erst dann wurde der Mensch dem Tiger übermächtig. Und seitdem schlagen die schlechten Nachrichten wie gefällte Bäume über den Tieren zusammen. Mensch und Tiger sind alte Todfeinde – im Wortsinn. Sie jagen bis heute nicht nur dieselben Tiere – Hirsche, Rehe, Wildschweine. Sie jagen sich auch gegenseitig. Lange war der Tiger im Vorteil: Etwa eine Million Menschen sollen nach einer seriösen Schätzung in den vergangenen 400 Jahren dem Tiger in Asien zum Opfer gefallen sein. Neuere Studien gehen von mindestens 373.000 Toten allein zwischen 1800 und 2009 aus. Die Geschichten von »man-eatern« sind nicht nur gut belegt, sie bieten auch reichlich Stoff für zahllose Jäger- und Heldengeschichten. In allen asiatischen Ländern gibt es nicht nur Tigergötter, sondern auch berühmte Tigerjäger. Zuletzt fügten die britischen Kolonialherren in Indien der langen Liste einige Namen hinzu: Darunter auch der Naturschützer Jim Corbette. Die 33 von ihm geschossenen Menschenfresser sollen 1.200 Menschen erbeutet haben.
Die Konkurrenz zwischen Mensch und Tiger hat es auch in westliche Kinderbücher geschafft. Im Dschungelbuch spielt der Möchtegern-Menschenfresser »Shir Khan« die heimliche Hauptrolle, er ist der Motor der Geschichte. Auffällig und rätselhaft ist dabei nur, dass die Tiger Südostasiens viel öfter den Menschen angehen als die Amur-Tiger im Norden. Dort ist nicht nur der Besiedlungsdruck höher. »Wenn die Tiger merken, dass Menschen gefährlich sind, streichen sie sie von der Beuteliste«, glaubt etwa Tigerforscher Dale Miquelle. In die russischen Wälder gehen wenige Menschen unbewaffnet. Die Schlingen, Giftköder und Äxte, mit denen die Wilderer und illegalen Holzfäller etwa in die Mangrovenwelt der Sundarbans im Flussdelta von Ganges und Bramaputra gehen, scheint die Tiger nicht zu schrecken. 200 Tiere leben im indischen Teil. Sie töten und fressen bis heute jedes Jahr mindestens 100 Eindringlinge. Da fällt das Umdenken schwer: Über viele Jahrhunderte musste sich der Mensch vor dem Tiger schützen, heute muss der Tiger vor dem Menschen geschützt werden, wenn er nicht von der Erdoberfläche verschwinden soll…
Mehr im Heft. Lesen Sie die ganze Geschichte in der aktuellen zeo2, schnell abonnieren oder am Kiosk.
