www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 23. February 2012

Klimagipfel

Der globale Klimaschutz macht weiter Pause: Frühestens im Jahr 2015 soll ein neuer Weltklimavertrag kommen, der fünf Jahre später in Kraft treten könnte. Dann könnte es zu spät sein, um die zwei-Grad-Marke zu halten.

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von von Manfred Kriener

Die UN-Klimakonferenz in Durban war der längste Klimagipfel in der Geschichte. Damit sind die Superlative rund um den südafrikanischen Verhandlungsmarathon auch schon erschöpft. Was die Ergebnisse betrifft, lieferte Durban die schon im Vorfeld erwartete Enttäuschung. Doch offenbar sind die Erwartungen so minimal, dass selbst dürftige Beschlüsse schon als Erfolg oder gar Durchbruch gewertet werden. Der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) sprach sogar von einem „wegweisenden Erfolg“. Doch alles Schönreden hilft nichts: Als dünnen Output des Klimagipfels darf festgehalten werden, dass 2015 ein neuer Weltklimavertrag auf den Weg gebracht werden soll, der aber frühestens 2020 in Kraft treten wird. Ergo: Bis 2020 passiert de facto NICHTS.

Nicht nur der Terminkalender für den globalen Klimaschutz mit dem späten Zieljahr 2020 bleibt desillusionierend, auch der Inhalt des neuen Weltklimavertrags ist völlig offen. Sollte er tatsächlich zustande kommen, steht immer noch zu befürchten, dass er „so gestaltet wird, dass ihm jeder für einen Apfel und ein Ei beitreten kann“, so die Kritik des Potsdamer Klimawissenschaftlers und Beraters der Bundesregierung, Hans Joachim Schellnhuber.

Um nicht in der Ohnmachtsfalle zu versinken, suchen Klimawissenschaftler, Politiker und Kommentatoren in ihrer Durban-Nachlese eifrig nach kleinen Lichtblicken der Konferenz. Ja, es stimmt: Die noch in Kopenhagen vorgeführten Europäer feierten in Durban ein Comeback im internationalen Klimaschutz und waren die treibende Kraft. Ihnen war es zu verdanken, dass die Konferenz nicht im Chaos endete – ohne überhaupt einen Beschluss zu fassen, der noch irgendwie den Namen Klimaschutz verdient hätte. Und auch dies darf man auf der Habenseite verbuchen: Europa hat sich mit Afrika und vielen Entwicklungsländern verbündet. China ist im Klimapoker nicht mehr länger der bevorzugte Koalitionspartner der armen Länder. Mit viel Kaffeesatzleserei kann man auch „einen neuen Ton“ (Schellnhuber) herauslesen und die guten Absichten einiger Länder wie etwa Südafrika. Viel mehr war nicht.

Weniger akribisch werden die negativen Konsequenzen des Klimagipfels analysiert. Doch sie haben gewaltige, ja historische Ausmaße. Um das anvisierte Klimaziel – die gerade noch beherrschbaren zwei Grad als maximale Erderwärmung – zu erreichen, muss der Scheitelpunkt der Treibhaus-Emissionen spätestens 2020 erreicht sein. Wenn der neue Weltklimavertrag aber erst 2020 in Kraft treten soll, ist dieses Ziel endgültig verloren. Durban markiert damit den unausgesprochenen Abschied von den zwei Grad, die als rein rhetorische Zielmarke zwar weiter aufrecht erhalten werden, aber nur noch Alibifunktionen erfüllen und Verwirrung schaffen. Denn mit den zuletzt besonders heftig gestiegenen CO2-Emissionen „bewegt sich die Welt gegenwärtig auf eine Erwärmung von sechs Grad zu“, so die Analyse von Fatih Birol, der jeder Hysterie unverdächtige Chefökonom der wichtigsten Energiebehörde, der Internationalen Energieagentur der OECD. Mit anderen Worten: Wir stehen potenziell schon bis zu den Knien im Wasser, beschließen und versprechen aber ständig, unsere Zehen trocken halten zu wollen.

Natürlich bleibt der globale Klimaschutz unter UN-Schirm – trotz Durban – weiter wichtig und unverzichtbar. Nur: Falls sich der Klimazug tatsächlich erst 2020 in Bewegung setzen sollte, existiert der Zielbahnhof schlicht nicht mehr. Um noch einmal Schellnhuber zu zitieren: „Es fährt ein Zug nach nirgendwo!“. Er muss aber dennoch abfahren, um dann neue Ziele einer Begrenzung auf zumindest drei, vier oder fünf Grad zu erreichen. Denn im Schwitzkasten der Erde zählt auch jenseits der Zwei-Grad-Marke jede noch so kleine Verringerung des Temperaturanstiegs.

Als wäre der Klimagipfel noch nicht deprimierend genug verlaufen, setzte es im Nachgang zu Durban weitere Hiebe. So hat Kanada, einer der weltgrößten Klimasünder, seinen Ausstieg auf dem Kyoto-Protokoll verkündet, um damit Strafzahlungen für seine nicht erfüllten Klimaverpflichtungen in Höhe von 14 Milliarden Dollar zu vermeiden. Sollten Russland und Japan, wie befürchtet, diesem Beispiel folgen, wäre der globale Klimaschutz auf einem neuen Tiefststand angekommen. Der übliche Aufmunterungssatz für solch niederschmetternde Situationen lautet: Offenbar braucht es diese Nackenschläge, um aufzuwachen. Doch diesen Satz haben wir schon zu oft gehört, um ihn noch glauben zu können. Da ist die Weisheit des 1997 gestorbenen Philosophen Rudolf Bahro schon tröstlicher: Bahro glaubte unerschütterlich an den menschlichen Geist und seine Kraft zur Rettung. Die drohende Apokalypse verstand er als Prolog der Heilsgewissheit. Im „Warten auf Veränderung“ sah er bereits den Prozess der Veränderung: ein “spiritueller Zustand”, der den Gegenentwurf schon in sich trägt – so die „Zeit“ in ihrem Nachruf auf den ostdeutschen Chiliasten, den „Wartenden“ Rudolf Bahro.

Nach Durban sind wir alle im Wartestand.

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