Iitate, ein verschlafenes Dorf in der Präfektur Fukushima, wurde 2010 zu »einem der schönsten Plätze Japans « gewählt. Die pechschwarzen Wagyu-Rinder der Bauern sind preisgekrönt, ihre marmorierten Steaks weltberühmt. In diesem Frühjahr, als immer mehr Männer mit Geigerzählern über die hügeligen Dorfwiesen huschten, wurde Iitate mit einem neuen Attribut ausgezeichnet: lebensgefährlich. Nach langem Streit wurden die Dorfbewohner am 15. Mai evakuiert.
Mit Iitate haben die 200.000 anonymen Strahlenflüchtlinge rund um Fukushima ein Gesicht erhalten, das Schicksal des Dorfes geriet zum Lehrstück für die Reaktorkatastrophe. Iitate liegt genau in der Haupt-Abwindfahne des zertrümmerten Atomkomplexes. Wie eine gekrümmte Gurke hat sich die Radioaktivität Richtung Nordwesten über die Landschaft gelegt. Das Dorf hat mehr abgekriegt als viele Orte, die in der 20 Kilometer- Sperrzone liegen. Weil es 40 Kilometer von den Reaktoren entfernt ist, sollte es nicht evakuiert werden. Etwa die Hälfte der 7.000 Einwohner war trotzdem geflohen, die Zurückgebliebenen trafen sich täglich im Gemeindehaus, um die aktuellen Messwerte zu lesen. Bleiben oder gehen? Alles aufgeben, Schweine und Rinder keulen und in den Nachbarstädten eine neue Bleibe suchen? Greenpeace hatte in dem Ort Strahlenwerte von 10 Mikrosievert pro Stunde gemessen und Alarm geschlagen. Selbst die Atomlobbyisten der IAEA empfahlen, »wirklich zu überlegen, das Dorf aufzugeben« und die Menschen in Sicherheit zu bringen.
Die Regierung blieb stur. Nur die Schule wurde geschlossen, die Kinder fuhren täglich mit dem Bus in sichere Städte zum Unterricht, wo die Mitschüler sie als strahlendes »Ungeziefer « hänselten. Abends mussten sie ins verseuchte Dorf zurück. »Ich will nicht, dass Iitate eine Geisterstadt wird, ich werde alles tun, es zu verhindern«, sagte Bürgermeister Norio Kanno. Am Ende musste auch er die Koffer packen, Iitate wurde doch noch evakuiert. »Wir können in fünf oder zehn Jahren zurückkehren«, sagt der Bauer Shoji. In zehn Jahren ist er 85 Jahre alt, dann will er zuhause sterben.
“Reaktoren auf der Intensivstation”
Nicht nur die unbewohnbaren Orte sind ein Albtraum. Auch die zerborstenen Reaktorruinen haben die Nothelfer noch längst nicht unter Kontrolle. Zwischenstand in der zehnten Katastrophenwoche: In allen drei Blöcken sind die Reaktorkerne zu großen Teilen geschmolzen. Die Brennelemente, die tödliche radioaktive Strahlung aussenden, sind immer noch nicht vollständig mit Wasser bedeckt. Die Kühlung bleibt primitiv auf Feuerwehrspritzenniveau. Zumindest in einem Block hat das stählerne Reaktordruckgefäß der geschmolzenen Lava aus Brennelementen, Hüllrohren und Stahleinbauten nicht standgehalten. Der glühende Kernbrennstoff hat bei Temperaturen über 1.000 Grad an einigen Stellen den Stahl geknackt. Das löchrige Druckgefäß, groß wie ein Omnibus, kann deshalb kein Kühlwasser halten. Auch die Explosionsgefahr ist nicht gebannt. Und immer wieder fließt stark radioaktives Wasser ins Meer, entweicht radioaktiver Dampf. Der gesamte Standort ist hoch verstrahlt, es gibt viele Leckagen. Kunstharz wird versprüht, um radioaktive Partikel zu binden, dazu kommen Stickstoffinjektionen, um neue Wasserstoffexplosionen zu verhindern, Roboter-Einsätze und Minutenarbeit von Atomwerkern im Tschernobyl-Liquidatoren- Stil.
»Die Reaktoren liegen immer noch auf der Intensivstation«, sagt der deutsche Atomexperte Michael Sailer vom Öko-Institut. Sailer sorgt sich vor allem um die bauliche Stabilität der Meiler. Reaktorkeller, Maschinenraum und die Fundamente des Containments sind jetzt riesigen Wasserlasten ausgesetzt. »Dafür sind sie nicht ausgelegt, niemand kann sagen, ob sie standhalten. Was ist, wenn die Gebäudekonstruktion zusammenbricht? « Sailer kennt die Antwort: Es wäre eine neue Eskalation. Dann würden auch die Brennelemente-Zwischenlager im obersten Stock der Kraftwerke abstürzen. Schon Erdbeben und Tsunami haben die Gebäudestatik massiv erschüttert, dann folgten die Wasserstoffexplosionen. Jetzt drücken Wassermassen auf die maroden Strukturen. Auch der Pariser Atomexperte Mycle Schneider sieht eine »akute Einsturzgefahr«. Jedes weitere Nachbeben ist hochgefährlich. Vorrangig muss aber »der Kühlkreislauf wieder hingestellt werden«, sagt Sailer und rätselt, wie Tepco das schaffen will.
Harrisburg? Ein Kinderspiel.
Die tödliche Strahlung und die Wassermassen, die die zerstörten Sicherheitssysteme meterhoch umspülen, sind gewaltige Hindernisse. Eigentlich müsste man Taucher einsetzen. Aber das Wasser ist verstrahlt. Den Zeitplan, bis Juli die Lage zu stabilisieren, hat der Atombetreiber Tepco inzwischen kleinlaut auf Januar korrigiert. Sailer und Schneider halten das immer noch für sehr optimistisch. Schon in Harrisburg habe man dafür eineinhalb Jahre gebraucht. Im Vergleich zu Fukushima war Harrisburg ein Kinderspiel, weil der Standort zugänglich war, die Gebäudehülle intakt. Auch die längerfristige Perspektive sieht düster aus: Der japanische Elektrokonzern Toshiba schätzt, dass es zehn Jahre dauern wird, bis das radioaktive Inventar Fukushimas entfernt ist und die dann versiegelten Reaktortrümmer unter einem riesigen Betongrab verschwinden. Toshiba-Konkurrent Hitachi rechnet dagegen mit 30 Jahren. In Harrisburg hat die Beseitigung der Katastrophenfolgen 14 Jahre gedauert.
Und die Kosten? Niemand will sich auf konkrete Zahlen festlegen, aber ein dreistelliger Milliardenbetrag scheint wahrscheinlich. Zum Vergleich: Weltweit werden dieses Jahr zirka 40 Milliarden Dollar in Solarstrom investiert. Der Tepco-Konzern wird die Katastrophe sicher nicht bezahlen können. Aber wird er sie irgendwann beherrschen? Mycle Schneider: »Eine so komplexe und gefährliche Situation wie in Fukushima hat es weltweit noch nie gegeben, wir brauchen dringend eine internationale Task Force der besten Köpfe aus aller Welt, wir dürfen Tepco nicht weiter vor sich hinwursteln lassen.« Man stelle sich vor, ein ähnlicher Unfall wäre in Deutschland passiert und E.on oder RWE würden das Katastrophenmanagement im Alleingang verantworten. Doch die Japaner sind stolz, sie wollen die Krise aus eigener Kraft bewältigen. Notfalls werden die Strahlengrenzwerte erhöht. Für Fukushima-Atomarbeiter lag die ihnen zugemutete Jahresdosis bei 100 Millisievert (mSv) – deutlich über dem internationalen Standard, dann wurde sie mehr als verdoppelt: auf 250 mSv. Ende April hat das Tokyoter Erziehungsministerium die zulässigen Strahlenwerte für Kinder aus der Präfektur Fukushima auf 33 mSv im Jahr erhöht, das ist mehr als die atomfreundliche Internationale Strahlenschutzkommission für Atomarbeiter (20 mSv) empfiehlt. »Die Kinder von Fukushima brauchen dringend unseren Schutz!« erregt sich der sichtlich schockierte, bekannte australische Public Health-Mediziner Tilmann Ruff. Und der deutsche Epidemiologe und Strahlenschutzexperte Christoph Zink, Verfasser des Pschyrembel Radioaktivität, giftet: Es sei »nur einen kleiner Schritt vom Staatsversagen zum Staatsverbrechen «. Angesichts des für Strahlenbelastungen hochsensiblen kindlichen Organismus seien die neuen Grenzwerte verheerend.
Um die Kinder zu schützen, wird jetzt an vielen Schulen die oberste Erdschicht mit Planierraupen und Schaufeln abgetragen. Die Maßnahme ist durchaus wirksam, schafft aber nur kleine strahlungsarme Inseln. Und es fehlt an Messgeräten, derzeit müssen sich vier Schulen ein Messgerät teilen. Selbst in dem Dorf Oguni, 50 Kilometer von Fuku- shima entfernt, überstiegen die Strahlenwerte auf dem Schulhof mit 5,6 Mikrosievert noch den Grenzwert von 3,8. Inzwischen hat, wie die FAZ berichtet, das Schulamt 52 Schulhöfe – alle außerhalb der 30-km-Zone – untersucht und 13 Überschreitungen des Limits festgestellt. So vergeht nach wie vor kaum ein Tag ohne Schreckensmeldungen aus Japan, die Katastrophe ist Normalität geworden. Der Essener Sozialwissenschaftler Harald Welzer: »Der GAU in Japan hat auch die Gewissheit kontaminiert, in der besten aller denkbaren Welten zu leben.(…) Man weiß noch nicht, was daraus wird: Ob sich die katastrophenroutinierten Japaner auch aus Fukushima wieder hervorrappeln oder ob Millionen von ihnen fortan dazu verdammt sind, in der »Sperrzone« zu leben. Die Verschonten in den anderen Ländern und Kontinenten können mit Schauer zusehen, was dort geschieht.«
Merkels Revolution und Rolle rückwärts
In Deutschland ist dieser Schauer besonders ausgeprägt. Fukushima hat zu nie dagewesenen, energiepolitischen Verwerfungen geführt. »Den Preis für Strom bezahlbar halten«, hatte Merkel im Herbst 2010 die Verlängerung der Atomlaufzeiten um zwölf Jahre noch begründet, ihr damaliges Energiekonzept nannte sie eine »Revolution«. Das Ganze sei ein »Turbo« für die Energieversorgung Deutschlands, meinte der damalige Wirtschaftsminister Brüderle. Und Norbert Röttgen, der brutal übergangene Umweltminister, musste die Mogelpackung als das »seriöseste, klimaverträglichste und langfristig finanzierteste« Konzept weltweit verkaufen. Dabei war klar: Eine Verlängerung der Atomlaufzeiten würde nur halten »bis zum nächsten Koalitionswechsel oder Supergau.« (zeo2 2/2010).
Wie radikal Fukushima die Fahrtrichtung der schwarz-gelben Bundesregierung gedreht hat, zeigten Merkels neue Paradigmen. Wenige Tage nach Erdbeben und Tsunami verkündete sie: »Rot-Grün wollte einen Ausstieg bis 2020. Wenn wir das Ziel schneller erreichen, umso besser.« »Deutschland braucht weiterhin Kernenergie und Kohle. Es geht um viel – auch um die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland« hatten die Energiebosse mit so glamourösen Verbündeten wie Bahnchef Grube und Fußballmanager Bierhoff in einem Appell zugunsten langer Laufzeiten gefordert. Es gehe auch um Sicherheit. Inzwischen wirken diese Zeilen wie aus einer anderen Welt. Der Deutsche Fußballbund teilt auf Anfrage von zeo2 mit, dass Oliver Bierhoff sich zu energiepolitischen Themen nicht mehr äußern möchte.
Lesen Sie den ganzen Text in der aktuellen zeo2
