www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 17. May 2012

"Alle Macht den Drähten"

»Schon heute elektrisierend«, versprechen die Autokonzerne und schieben mit viel Tamtam die ersten Elektroautos in die Verkaufsräume. Die Batterie unter der Motorhaube kommt. Aber reine Elektroautos werden auch in Jahrzehnten noch die Minderheit bleiben. Denn der reine Batterieantrieb ist nicht nur teuer, er kämpft auch noch mit tausenden Kinderkrankheiten. Und anstelle der vollen Ladung Elektro kommt die Mischung aus Batterie und Benzin und Diesel. Was das der Umwelt bringt, ist ungewiss. Der Riss zwischen Befürwortern und Gegnern der Elektromobilität geht darum auch mitten durch die Umweltverbände.

Artikel merken & weiterempfehlen:
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • TwitThis
  • Yigg
von Marcus Franken, Annette Jensen, Manfred Kriener, Peter Trechow

Paris hat wieder eine Revolution hervorgebracht. Unter den glühenden Scheinwerfern der Internationalen Automobilausstellung haben die kleinen Flüsterfahrzeuge die brüllende Allmacht der PS-Monster und Allradmaschinen gebrochen. »Elektroautos sind die Stars«, jubeln die Branchenblätter, jetzt lassen »die Entwickler die Autos von der Leine«, freut sich die FAZ angesichts eines noch vor Kurzem undenkbaren Auftritts: Renault, Peugeot, Toyota, Honda, selbst automobile Pioniere des Verbrennungsmotors wie Daimler und sportiv gestimmte Marken wie BMW und Audi schieben ihre Elektrokompetenz ins Rampenlicht. Futuristische Entwürfe mit drei Rädern, raketengleiche Sportwagen oder öde Familienkutschen mit einer fünften Tür für den Hundekorb – in Paris geht das alles jetzt auch elektrisch. »Alle Macht den Drähten«, titelt die Süddeutsche.

Und die Elogen nehmen kein Ende: »Das ist wirklich eine Revolution, das Auto kommt aus der Nische raus«, beteuert Thierry Koskas, Leiter Elektroauto bei Renault. »Es kann jetzt genutzt werden, um zur Arbeit zu fahren, Einkäufe zu erledigen und die Kinder von der Schule abzuholen!« Wo der E-Sportwagen Tesla vor einem Jahr noch ziemlich einsam stand, drängeln sich jetzt etliche Hersteller : vorneweg Mitsubishi mit dem i-Miev. Den Fünftürer im soften Ei-Design wollen die Japaner ihren deutschen Kunden schon im Dezember vor die Tür stellen. Selbst beim traditionell mäkeligen Autotest des Youtube- Kanals »Fully Charged« hat das Gefährt das höchste aller denkbaren Komplimente bekommen: »Es ist ein normales Auto!« Ohne Einschränkungen wie mangelnde Sicherheit, scheußliches Design oder enger Kofferraum wie bei anderen Stromern – irgendwo müssen die Batterien ja hin! Mit dem Lithium- Ionen-Pack im Fahrzeugboden kommt das ovale Gefährt realistisch gemessen 120 Kilometer weit. Und ist für 34.390 Euro zu haben.

Dem Mitsubishi nicht nur zeitlich auf den Fersen ist Peugeot mit dem kleinen iOn. Die Franzosen versprechen in Anzeigen »Volltanken für nur 3,29«. Sie hoffen damit auch auf Leser von journalistischen Turboladern wie auto-motor-sport und versuchen zu verschleiern, dass ihr iOn (genauso wie der Citroën C-Zero) der Zwillingsbruder des i-Miev ist – nur mit anderem Marken-Logo unter der tief heruntergezogenen Frontscheibe. Auch die Konkurrenz ist gestartet. Ob Aachen, Köln, Berlin oder Bad Neustadt: Jede Stadt, die etwas auf sich hält, hat ihre Versuchsflotte mit Elektrofahrzeugen. Die rollenden Gefährte heißen »Fiat 500«, Mini und Smart, sind allerdings noch Einzelanfertigungen und unendlich teuer. Der deutsche Volkswagen schlechthin – der Golf – soll 2013 elektrisch fahren. Mercedes will die A-Klasse elektrisch aufrüsten. Renault plant für 2011 drei rein elektrische Modelle, darunter ein kleiner Lieferwagen. Opel will mit dem »Ampera« auch in der gehobenen Klasse ein Elektromobil anbieten, das ab kommendem Jahr für 43.000 Euro zu haben sein wird. Und Nissan verkauft mit dem »Leaf« in Japan und den USA inzwischen ein E-Auto, das sich mit 109 PS und 4,5 Metern Länge in der wichtigen Golf-Klasse bewegt und dennoch bloß 23.000 Euro (33.000 Dollar) kosten soll.

Dank niedriger Wartungs-, geringer Betriebskosten und staatlicher Förderung seien die Autos nicht teurer als ein vergleichbarer Benziner – verspricht Renault für seine Elektromobile.

Ist das der Durchbruch?

Sicher ist, dass nicht mehr die Nischenanbieter mit verspielten Namen wie Smiles, Think, Twike und Elfar die Szene beherrschen. Bis vor wenigen Jahren besetzten solche Firmen das Thema mit putzigen Geräten, die mit dem sperrigen Wort »Mobilitätskonzept« treffend beschrieben sind. Die Fahrzeuge trafen den Geschmack weniger Umweltaktivisten, die damit ein Zeichen gegen die übermotorisierten, übergroßen, umweltzerstörenden Riesenautos setzen wollten.

Der große Vorteil der Elektroautos: Sie stinken nicht, sie sind leise. Sie sind wartungsarm. Sie fressen Strom aus der Steckdose statt Erdöl aus Iran. Und Elektroantriebe sind effizienter als Benzinmotoren. Die Autofirmen können sich dem eigenen Ruf nach dem grünen Auto nicht mehr entziehen. Der Tesla war der Eisbrecher, seitdem bekennen sich auch Männer mit eingebautem Geschwindigkeitswahn zu Elektro. Nach einer Umfrage des TÜV Rheinland wünschen sich 54 von 100 Deutschen als nächstes Auto einen Elektrowagen. Die Mehrheit ist überzeugt, dass die Dinger gut für die Umwelt sind, den Autofahrer unabhängig vom Öl machen und geringere Betriebskosten haben. Begrenzte Reichweiten und lange Ladezeiten scheinen die Freude nur wenig zu trüben. Nur die Kosten – das zeigt die TÜV-Studie deutlich – müssen dringend sinken.Nur zwei von zehn Kunden sind bereit, auch deutlich mehr Geld für ihr Elektroauto zu zahlen.

Obama, China und Frankreich geben Vollgas

Die Welt muss sich schon gründlich geändert haben, wenn selbst Porsche-Chef Matthias Müller unter dem Druck des Klimawandel- Zeitgeistes sagt: »Wir wollen unseren Kunden ein Argument liefern, warum es moralisch in Ordnung ist, Porsche zu fahren.«

So rollt der Elektroantrieb vom technologischen Abstellgleis auf die Pole-Position. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer will in Paris schon »eine Art Zeitenwende der Branche « beobachtet haben. Das sei der »letzte große Branchengipfel« im Zeichen der Verbrenner gewesen, orakelt der Professor aus Duisburg. Batterien seien die Zukunft. Schon in 15 Jahren traut er ihnen einen Markt von 130 Milliarden Dollar zu. Das weckt Begehrlichkeiten. Weltweit.

Am 15. Juli steht Barack Obama im Sturm. Das Siegel am Rednerpult des Präsidenten wankt im Wind und im Hintergrund haben die Bagger die Wiesen der Kleinstadt Holland im Bundesstaat Michigan aufgerissen. Obama will hier das Startsignal für einen neuen Aufbruch der US-Autoindustrie geben. »Die Arbeiter von Holland werden die Batterien des neuen GM Volt fertigen«, ruft Obama. Seine Regierung hat dem koreanischen Konzern LG Electronics gerade 1,4 Milliarden Dollar versprochen, wenn der sein neues Batteriewerk hier, im Norden der Vereinigten Staaten baut. Der Grundstein ist gelegt. Das Lokalblatt »Holland Sentinel« hofft bis 2020 auf 10.000 neue Jobs.

Wie der Bürgermeister von Holland und sein Präsident wollen Kanzler und Premiers weltweit den Zukunftsmarkt Elektromobilität erobern. Neben den hunderten Millionen für das LG-Werk pumpen die Amerikaner in den kommenden fünf Jahren umgerechnet 22 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. In Japan, Frankreich, Dänemark und Spanien setzen die Regierungen stärker auf Zuschüsse und Steuererleichterungen. Die französische Regierung schloss im April einen Pakt mit zwölf Städten und den Autobauern Renault und Peugeot-Citroën: Staatliche oder staatsnahe Betriebe wie der Atomkonzern EDF, France Télécom oder Air France werden bis 2012 50.000 Elektroautos ordern. Im Gegenzug haben die Hersteller versprochen, entsprechende Produktionsstraßen aufzubauen und mindestens 60.000 Elektromobile herzustellen. Die zwölf beteiligten Städte wollen ihrerseits noch vor Jahresanfang 2011 die ersten standardisierten Ladestationen errichten. Bis 2015 soll es in Frankreich – Europas Nummer eins der E-Mobilität – 75.000 öffentliche Elektrotankstellen sowie 900.000 Privatanschlüsse geben.

Wie es wirklich weiter geht? Das erfahren Sie in der aktuellen zeo2, erhältlich am Bahnhofskiosk und in vielen gut sortierten Kiosken in den Großstädten. Oder direkt im Abo

Artikel merken & weiterempfehlen:
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • TwitThis
  • Yigg