„Hören Sie doch auf mit dem Gerede von einer Klimaerwärmung“, schrieb mir eine frierende Leserin aus Bayern im Juli. »Heute waren es nur 17 Grad!« Ging es Ihnen auch so, dass Sie den Juli zu kalt und verregnet fanden? Mit Recht: Es war der kälteste Juli in Deutschland seit – dem Jahr 2000. Okay, nicht gerade rekordverdächtig.
Der April war dafür der zweitwärmste seit Beginn der Messreihe im Jahr 1881, knapp hinter dem Rekordapril 2009 und vor dem April 2007 auf Rang drei. Doch das interessiert kaum noch jemanden, in Zeiten der Klimaerwärmung haben wir uns daran gewöhnt und wundern uns nur noch, wenn es mal wieder einen eher kühlen Monat gibt. All diese Daten kann man jetzt übrigens bequem und interaktiv ansehen, im Klimaatlas des deutschen Wetterdienstes (www.deutscher-klimaatlas.de).
Aber Hand aufs Herz: Hätten Sie lieber einen Juli wie im Süden der USA gehabt? Texas und Oklahoma erlebten den wärmsten Juli seit Beginn der Aufzeichnungen, gekoppelt mit einer verheerenden Dürre dort und im benachbarten Arizona. Insgesamt wurden im Juli 2755 neue Tageshitzerekorde in den USA registriert. Die Millionenstadt Phoenix in Arizona (siehe Foto) wurde innerhalb von sechs Wochen dreimal von massiven Staubstürmen lahmgelegt – im Netz kann man Videos sehen, wie die Stadt von einer Walze aus Staub überrollt wird. Schon im Frühjahr waren die USA von der heftigsten Tornadoserie ihrer Geschichte heimgesucht worden. Die amerikanische Atmosphärenbehörde NOAA registrierte im April 753 Tornados. Der bisherige Monatsrekord vom Mai 2003 (542 Tornados) wurde weit in den Schatten gestellt, vom bisherigen Rekord für einen April (267 Stück) ganz zu schweigen.
Natürlich ist es immer schwierig, den Zusammenhang von solchen Wetterextremen mit der globalen Erwärmung zu belegen. Am leichtesten geht das bei Hitzewellen. Da ist auch dem Laien sofort plausibel, dass Anzahl und Intensität von Hitzewellen in einem wärmeren Klima zunehmen. Und statistische Auswertungen zeigen, dass die große Mehrzahl der neuen Monatsrekorde der letzten Zeit ohne den globalen Erwärmungstrend nicht aufgetreten wären. In diesem Sinn kann man die meisten der jüngsten Hitzewellen auf die vom Menschen verursachte globale Erwärmung zurückführen.
»Jahrhundertsommer« 2003 war der wärmste seit mindestens 500 Jahren.
Inzwischen liegen auch erste wissenschaftliche Auswertungen der europäischen Hitzewelle des letzten Jahres vor. Diese Zeitverzögerung ist typisch: Bis alle Daten vorliegen und ausgewertet sind, eine Fachpublikation geschrieben und durch das Begutachtungsverfahren bis zur Publikation gelangt ist, dauert es meist ein Jahr oder mehr. Das passt schlecht zum medialen Grundgesetz: Für Naturkatastrophen wie das Erdbeben von Haiti oder die Überschwemmung in Pakistan interessiert sich die Öffentlichkeit ungefähr sechs Wochen lang. Später, wenn man wissenschaftlich fundiert darüber diskutieren könnte, will kaum noch jemand davon hören.
Schon der »Jahrhundertsommer« 2003 in Europa erwies sich bei späterer Analyse als der wärmste seit mindestens 500 Jahren. Die Folge waren nach einer EU-Studie rund 70.000 Todesopfer, selbst unter den 45-Jährigen war die Mortalität statistisch signifikant erhöht. Nun haben kürzlich David Barriopedro von der Universität Lissabon und eine Reihe europäischer Kollegen in Science gezeigt, dass europaweit der Sommer 2010 sogar noch wärmer war. Der Schwerpunkt dieser Hitzewelle lag weiter östlich als im Jahr 2003. Wir erinnern uns an die damit verbundenen verheerenden Brände um Moskau und die Ernteausfälle, nach denen die russische Regierung die Ausfuhr von Weizen verbot.
Hitzewellen gehen oft mit Dürre einher, nicht nur weil ungewöhnliche Hitze meist bei stabiler, wolkenloser Wetterlage auftritt, sondern auch weil Hitze und Dürre sich gegenseitig verstärken. So führt Hitze durch die stärkere Verdunstung zu rascherem Austrocknen des Bodens, und ein ausgetrockneter Boden begünstigt Hitze, weil kein Wasser mehr für Kühlung durch Verdunstung zur Verfügung steht. Der Weltklimarat hat in seinem letzten Bericht 2007 eine deutliche Ausweitung von Dürren in den letzten Jahrzehnten festgestellt und erwartet, dass Dürren auch künftig im Zuge der Klimaerwärmung weiter zunehmen.
Welche einzelne Dürre nun durch die Klimaerwärmung verursacht ist, kann man allerdings nicht sagen – genauso wenig wie man bei einem gezinkten Würfel sagen kann, welche gewürfelte Sechs nun auf die Manipulation des Würfels zurückzuführen ist. Daher macht die Diskussion auch wenig Sinn, ob die aktuelle Dürre in Somalia nun durch den Klimawandel verursacht wurde oder nicht. Zu Recht hat aber UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bei der ersten Klimadebatte im UN-Sicherheitsrat am 20. Juli darauf hingewiesen, dass der Klimawandel und die damit verbundenen zunehmenden Naturkatastrophen die globale Sicherheit gefährden.
Noch nie so wenig Arktis-Eis wie im Juli 2011
Und noch ein Juli-Rekord, der kaum jemanden interessiert hat: Noch nie wurde in einem Juli so wenig Meereis in der Arktis beobachtet wie dieses Jahr. Schon im Januar hatte die arktische Eisdecke einen Negativrekord für diesen Monat gesetzt. Im Juli sind die klimatischen Auswirkungen der geringen Eisdecke besonders groß, weil die Sonne dann hoch am Himmel steht und das dunkle Meer viel Sonnenwärme aufnimmt, statt diese vom hellen Eis zurück ins All zu spiegeln. Die weit überdurchschnittliche Erwärmung der Arktis trägt zum immer rascheren Abschmelzen des Eispanzers auf Grönland und damit zum Meeresspiegelanstieg bei. Im März hatten Nasa-Forscher um Eric Rignot nach Satellitenauswertungen gemeldet, dass Grönland und die Antarktis inzwischen so viel Eis verlieren, dass dies einem globalen Meeresspiegelanstieg von 1,3 Millimetern pro Jahr (mm/Jahr) entspricht. Das ist mehr als ein Drittel des insgesamt gemessenen Anstiegs, zu dem auch die schmelzenden Gebirgsgletscher und die thermische Ausdehnung des Meerwassers beitragen.
Auch an der deutschen Nordseeküste steigt der Meeresspiegel immer schneller, wie eine ebenfalls dieses Frühjahr publizierte Auswertung der Pegeldaten durch Thomas Wahl und Kollegen zeigt. Seit 1901 ist der Meeresspiegel in der Deutschen Bucht im Mittel um 1,7 mm/Jahr gestiegen; der Trend seit 1971 beträgt 3,6 mm/Jahr. An sämtlichen Pegelstationen sind die höchsten Anstiegsraten in den jüngsten Jahrzehnten zu beobachten. Die längste Datenreihe ist die aus Cuxhaven ab dem Jahr 1843. Nie zuvor stieg der Meeresspiegel dort so rasch wie in den letzten 20 Jahren.
Zurück zum verregneten Sommer in Deutschland. Vielleicht sollten wir das kühle Wetter einfach genießen? Ich zumindest habe mich über das üppig sprießende Grün im Garten und die reichhaltige Tomaten- und Zucchiniernte gefreut. Das Bad im See lasse ich mir vom Wetter nicht vermiesen.
zeo2-Kolumnist Stefan Rahmstorf ist Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).
