www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 23. February 2012

Sieben Milliarden Menschen

Fünf Neugeborene in jeder Sekunde: Unter der Oberfläche der schnellsten Menschheitsvermehrung aller Zeiten hat sich die Welt längst in zwei Lager gespalten: Während das Wachstum der Köpfe verstärkt in den ärmsten Ländern Afrikas stattfindet, fürchten sich die schrumpfenden Staaten in Europa und Japan vor ihrer eigenen Kinderarmut. Im globalen Maßstab wird die Weltbevölkerung zunächst weiter wachsen und damit den Druck auf Ökosysteme, Ressourcen und Klima verstärken.

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von Marcus Franken und Manfred Kriener

Der fünf- und der sechsmilliardste Mensch sind jetzt Freunde. Auf Facebook. Kein Problem, die Welt ist ein Dorf. Matej Gaspar (Kroatien) und Adnan Mevic (Bosnien) trennen nur zwölf Jahre und drei Monate. In ein paar Jahren könnten sie auch noch Danica Galura in ihren Kreis aufnehmen – das Mädchen aus Manila kam Ende Oktober als offizielle Nummer Siebenmilliarden auf die Welt. Wieder nur zwölf Jahre später. So schnell wie zwischen Nummer fünf, sechs und sieben ist die Zeit zwischen den Milliarden-Babys noch nie verflossen. In der ganzen Menschheitsgeschichte nicht. Pro Sekunde kommen heute fünf Kinder auf die Welt.

Während Sie den ersten Absatz gelesen haben, hat der Planet 75 neue Erdenbürger begrüßt. Es gibt jetzt so viele Menschen wie Körner in 200 Tonnen Reis. Wir erleben einen Rekord, der wohl nie wieder übertroffen wird. Denn obwohl die Menschheit rasant wächst, sinken inzwischen weltweit die Geburtenraten. Darum werden wir nach Schätzungen der Vereinten Nationen 14 Jahre auf das nächste Milliarden-Jubiläum warten müssen und noch länger auf die neun Milliarden. Ob Nummer zehn jemals erreicht wird, weiß man nicht, denn langfristig könnte die Zahl der Erdenbürger deutlich zurückgehen.

Die Lage ist unübersichtlich geworden. Dabei ist es erst 20 Jahre her, dass der apokalyptische Blick auf die Bevölkerungskurve dominierte. »Die erschreckende Tatsache lautet heute, dass die Weltbevölkerung sich vermehrt wie Algen in einem überdüngten Gewässer: bis zum Umkippen in eine unbewohnbare Kloake«, glaubte 1991 der katholische Theologe Eugen Drewermann. Dem Menschen, so schrieb der Kirchenmann, sei es als einzigem Lebewesen vergönnt, »zu jeder Tages- und Jahreszeit, ungestört von Beutegreifern, von Kälte und Regen die Liebe zu pflegen«. Als Folge sah Drewermann eine unkontrollierte Bevölkerungsexplosion und forderte die »dringende Beschränkung der Geburtenziffern«. Sein vehementes Plädoyer gegen die »Übervölkerung« war mehr als eine Abrechnung mit der katholischen Kirche, die bis heute – »seid fruchtbar und mehret euch« – verbissen gegen Familienplanung und Verhütung zu Felde zieht. Es entsprach auch dem Empfinden weiter Teile der Umweltbewegung. Schon 1972 hatte der Bericht an den Club of Rome das »superexponentielle Wachstum der Weltbevölkerung « herausgehoben und an den Anfang des berühmten Zukunftsreports »Grenzen des Wachstums« gestellt. Seitdem gehört die Sorge um die lawinenartig zunehmende Zahl der Menschen zu den Grundfesten des Umweltdiskurses.

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