www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 17. May 2012

Stefan Rahmstorf über die Folgen des Klimawandels

Die Wetterextreme des Jahrzehnts lesen sich wie eine Liste des Grauens. Von der Elbeflut 2002 bis zu den Bränden in Russland und Überschwemmungen in Pakistan. Millionen Menschen waren betroffen, Milliarden Werte wurden vernichtet. Zufall? Oder Klimawandel?

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Am 12. August 2002 fielen an der Wetterstation Zinnwald- Georgenfeld in Sachsen 312 Millimeter Wasser vom Himmel. Eine Rekordmenge, die alles übertraf, was jemals zuvor in Deutschland an einem Tag an Regenmenge gemessen worden war. In der Folge kam es zur »Jahrhundertflut« der Elbe – der Pegel erreichte bei Dresden den höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1275.

Im Sommer 2003 kam es in Westeuropa zur schlimmsten Hitzewelle seit Menschengedenken, die rund 70.000 Menschen das Leben kostete. Fernsehbilder von überlasteten Leichenhäusern in Frankreich flimmerten durch unsere Wohnzimmer. Es war der wärmste Sommer seit mindestens 500 Jahren. Die Hitzerekorde lagen so weit außerhalb der bisherigen Messwerte, dass die Wahrscheinlichkeit, dass dies durch zufällige Wetterschwankungen bei unverändertem Klima passieren könnte, von Schweizer Forschern auf Eins zu mehreren Millionen berechnet wurde.

Im Jahr 2004 zog erstmals ein Hurrikan im Südatlantik auf, und im Jahr 2005 zerstörte nicht nur »Katrina« New Orleans, sondern die Hurrikansaison im Nordatlantik übertraf alle Erfahrungen bei weitem. Erstmals wurden 28 Tropenstürme verzeichnet, erstmals erreichten 15 davon Hurrikanstärke und erstmals gab es in einer Saison gleich vier Stürme der Monsterkategorie fünf. Zudem gab es mit »Wilma« den stärksten je gemessenen Hurrikan.

Im Sommer 2007 versanken England und Wales im Dauerregen: Die Periode Mai bis Juli war die nasseste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1766. Oxford und andere Städte standen unter Wasser.

Im August wurde dann Griechenland von einer Rekordhitzewelle und von Waldbränden heimgesucht, denen um ein Haar die antiken Stätten von Olympia zum Opfer gefallen wären.

Im Februar 2009 erschütterte der »Schwarze Samstag« Australien: die schlimmsten und tödlichsten Buschfeuer in der Geschichte des Landes, in denen 173 Menschen den Tod fanden. Vorausgegangen waren die höchsten im Bundesstaat Victoria je gemessenen Temperaturen (48,8 Grad) sowie mit zwölf Tagen die längste ununterbrochene Folge von Tagen mit über 40 Grad. Diesen Sommer litt Russland unter einer ähnlichen Hitzewelle. Laut russischem Wetterdienst gab es im abgelaufenen Jahrtausend keine vergleichbare Hitze. Im Umland von Moskau wüteten teilweise über 500 Waldbrände, die Dürre führte zu massiven Ernteausfällen und die russische Regierung verbot Weizenexporte.

Gleichzeitig leiden in Pakistan 17 Millionen Menschen unter den schwersten Überschwemmungen in der Geschichte des Landes, ausgelöst durch Rekordregenfälle.

Zufall? Oder Klimawandel?

Diese Liste bislang nicht gekannter Extreme ist bei weitem nicht vollständig. Alles nur Zufall? Die World Meteorological Organisation (WMO), die weltweit die Sammlung von Wetterdaten koordiniert, spricht am 11. August 2010 von einer »nie dagewesenen Serie von Extremereignissen«. »Die Serie der aktuellen Ereignisse entspricht den IPCC-Projektionen von häufigeren und intensiveren Extremwetterereignissen aufgrund der globalen Erwärmung«, heißt es dort. Deutlicher kann eine UN-Organisation es kaum sagen.

In der Tat hatte der letzte Bericht des Weltklimarates IPCC im Jahr 2007 festgestellt, dass Hitzewellen und Starkregen über den meisten Landgebieten sehr wahrscheinlich aufgrund der Treibhauserwärmung zunehmen werden. »Sehr wahrscheinlich « bedeutet im IPCC-Jargon eine mindestens 90-prozentige Sicherheit. Die Zunahme von starken Tropenstürmen und eine Ausweitung von Dürren wurde immerhin als »wahrscheinlich« eingestuft (mindestens 66 Prozent Wahrscheinlichkeit). Auch wenn gerade beim Zusammenhang zwischen der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung und den – naturgemäß seltenen – Extremereignissen noch viel Forschungsbedarf besteht, sind einige physikalische Grundzusammenhänge klar. Dazu gehört, dass ein wärmeres Klima zu heftigeren Extremniederschlägen führt, weil wärmere Luft mehr Wasserdampf enthalten kann. Dass Hitzewellen in einem wärmeren Klima zunehmen, dürfte auch jedem Laien unmittelbar einsichtig sein. Dass die neuen Hitzeextreme frühere Rekorde allerdings derart stark übertreffen, kam auch für die Klimaforscher überraschend.

Dies lässt sich mit Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation erklären, etwa der Häufigkeitsverteilung oder Persistenz bestimmter Wetterlagen. Die genauen Mechanismen sind aber noch nicht verstanden. Für ein bestimmtes Einzelereignis wird man allerdings wohl nie belegen können, dass es durch die globale Erwärmung verursacht wurde. Was übrigens nicht heißt, dass es nicht durch die globale Erwärmung verursacht oder zumindest verschärft wurde, wie man oft fälschlich hört – auch dies wäre eine wissenschaftlich unhaltbare Aussage. Es gibt bei Wetterextremen immer ein Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit, wie bei einem gezinkten Würfel, der jedes dritte Mal eine Sechs würfelt. Eine einzelne Sechs kann man nie der Tatsache zuschreiben, dass der Würfel gezinkt war, denn auch ein normaler Würfel liefert ja Sechser, nur eben nicht so häufig.

Sicher ist: Das nächste, nie dagewesene Extremereignis kommt. Das Problem ist, dass in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels niemand vorhersagen kann, wo und in welcher Form es zuschlagen wird. Daher kann man sich kaum adäquat darauf vorbereiten. Schon gar nicht in ärmeren Ländern. Selbst in den reichen USA waren die Deiche in New Orleans nicht für einen lange vorhergesagten Hurrikan der mittleren Stärke drei ausgelegt, weil man die Kosten scheute.

Man kann nur hoffen, dass die schrecklichen Bilder aus Pakistan und anderswo nun wenigstens die professionellen Abwiegler verstummen lassen, die uns seit Jahren weismachen wollen, die Folgen des Klimawandels seien leicht beherrschbar. Der Däne Björn Lomborg erklärte noch im August allen Ernstes, selbst ein 400 Millionen Menschen betreffender Meeresspiegelanstieg sei kein Grund zur Beunruhigung, denn dies seien »weniger als sechs Prozent der Weltbevölkerung, was bedeutet, dass 94 Prozent der Bevölkerung nicht überschwemmt würden.«

Stefan Rahmstorf ist Klimaforscher am Potsdam- Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

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