www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 6. September 2010

zeo2-Klimagipfel

Wo steht die Klimaforschung nach „Climategate“? Die drei führenden Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf, Guy Brasseur und Martin Claußen diskutieren die Folgen des Desasters von Kopenhagen. Das Ziel, die Erwärmung des Globus unter zwei Grad zu halten, wird mit dem drohenden Scheitern einer globalen Klimapolitik immer unwahrscheinlicher. Wegen der Managementfehler nach den Angriffen auf den Weltklimarat und die Klimawissenschaft fordert Claussen den Rücktritt des Vorsitzenden des Weltklimarates Rajendra Pachauri.

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von Marcus Franken

Wie Granaten haben die Meldungen in die Welt der Klimawissenschaft eingeschlagen. Erst »Climategate«, der E-Mail- Skandal nach dem Einbruch in die Rechner des englischen Klimaforschungszentrums an der Universität von East Anglia und dann die Fehler im Bericht des Weltklimarates IPCC, einem der mächtigsten wissenschaftlichen Reports unserer Zeit. Zusammen haben diese Volltreffer den Glauben an die Seriösität der Klimaforschung grundsätzlich untergraben: »Die Wolkenschieber «, titelte der Spiegel eine groß aufgemachte Geschichte über die vermeintlichen Datenpfuscher hinter den Temperatur- Niederschlags-Prognosen.

Ob in Leserbriefen, Betriebskantinen oder beim Nachbarschaftsplausch: Wo vor Jahren noch die Überflutung des Kölner Doms gefürchtet wurde, fragen sich jetzt viele: Gibt es den Klimawandel wirklich?

Besonders in den USA glauben immer weniger Bürger, dass »Global Warming« wirklich schon »da« ist – wie Wissenschaftler schon vor Jahrzehnten nachgewiesen haben. Nach einer Gallup-Erhebung im März sind inzwischen fast die Hälfte aller Amerikaner überzeugt, die Bedrohung sei »grundsätzlich übertrieben«. 2009 lag die Quote noch nahe 40 Prozent. Und selbst bei den klimasensiblen Deutschen macht sich Unsicherheit breit. Angst vor dem Klimawandel haben hierzulande noch 42 Prozent, gegenüber satten 62 Prozent im Jahr 2006. Vielleicht ist doch alles nicht so schlimm? Ist der Klimawandel das neue Waldsterben? Groß angekündigt und dann doch ausgeblieben?

Im Frühjahr 2010 steht die Welt orientierungslos im Staub, den die Klimaaffären aufgewirbelt haben. Nach der Post-Kopenhagen- Depression droht die politische Schlagkraft für die kommende Klimakonferenz im Herbst im mexikanischen Cancun immer weiter abzusinken. Und die Klimaskeptiker taumeln derweil siegestrunken von einem medialen Erfolg zum nächsten. Sie nennen sich jetzt »Klimarealisten«. Und hoffen, internationale Gremien wie den Weltklimarat zu »Klimaalarmisten« zu stempeln.

Im Gespräch: Stefan Rahmstorf, Guy Brasseur, Martin Claußen

In dieser medialen Gefechtslage geht völlig unter, dass die Untersuchungen zum EMail- Einbruch an der Universität von East Anglia schon im April mit einem vollständigen Freispruch der belauschten Forscher beendet wurden: Die Vorwürfe der willkürlichen Auswahl von Daten und tendenziöser Interpretation seien nicht gerechtfertigt, schreibt der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Lord Oxburgh of Liverpool, Geophysiker und Mitglied der Royal Society. Nur den Ton der elektronischen Konversation rügt er sehr britisch als »höchst informell«. Und selbst der Spiegel, der sich die Mühe gemacht hat, den ganzen Datenberg von 150 Megabyte zu durchleuchten, gibt zu: »Von Verschwörung kann keine Rede sein.«

Dennoch: Die Fehler im IPCC-Report bleiben. Darum wollen wir von führenden deutschen Klimaforschern wissen: Wo steht die Klimaforschung heute? Dem Ruf zum kleinen Klimagipfel sind gefolgt: Stefan Rahmstorf, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und regelmäßiger zeo2-Kolumnist, Professor Martin Claußen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und Guy Brasseur, ebenfalls Professor und Chef des Climate Service Centers in Hamburg. Unterschiedliche Temperamente: Der engagierte Rahmstorf, der hamburgisch-kühle Claußen und dazu der gebürtige Belgier und mit langer Forschungserfahrung in den US, Guy Brasseur. Alle drei IPCC-Autoren und Experten von internationalem Ruf. Mehr Kompetenz geht nicht!

Aber erst mal mussten wir klären, ob wir es bei den Dreien nicht mit heimlichen Sowjetagenten zu tun haben. Wir wollen wissen: Ist einer der Herren Kommunist? Nein, grummelt Guy Brasseur aus dem Lautsprecher des Telefons, mit dem er sich in die Diskussion geschaltet hat. Nein, sagt Stefan Rahmstorf. Nur Martin Claußen wird genauer. Also doch?

Claußen: Vor dem Abitur habe ich die Mao- Bibel gelesen und mich mit den revisionistischen Leuten der DKP gestritten. Aber Sowjet- Anhänger war ich nie.

zeo2: Ein ehemaliger britische Regierungsberater verbreitet die These, »frühere Sowjet-Kommunisten « hätten den Klimawandel erfunden, um die USA niederzuringen. In England und den USA finden solche Thesen breite Resonanz? Warum?

Rahmstorf: Das ist ein klassisches Beispiel für eine Verschwörungstheorie. Im New Scientist stand kürzlich eine Anleitung: Wie werde ich Leugner von etabliertem Wissen? Diese Haltung gibt es ja auch gegenüber der Evolution, der Schweinegrippe und Krebs durch Rauchen. Regel eins: Stelle die Resultate der Wissenschaft als Ergebnis einer Verschwörung dar. In den USA fällt so etwas auf fruchtbaren Boden. Wie beim Kreationismus. In Europa hat das kaum Anhänger.

zeo2: In einem offenen Brief klagen fast 100 amerikanische Klimawissenschaftler, sie seien inzwischen einer »McCarthy-artigen Verfolgung« ausgesetzt. Wie groß ist der politische Einfluss der Klimawissenschaft in den USA noch?

Brasseur: Die Gesellschaft in den USA ist polarisiert, gerade im mittleren Westen stellen die Leute den Klimawandel in Frage. Das liegt auch daran, dass die Lebensbedingungen in den USA völlig anders sind als in Europa: Es ist für die USA ein riesiges Problem, CO2-freundliche Metropolen zu entwickeln oder mit dem Zug zu fahren, statt zu fliegen. Darum ist der Widerstand stärker und der Einfluss der Wissenschaft kleiner. Lediglich an der Ost- und Westküste interessiert man sich für das Klimaproblem und sieht auch die wirtschaftlichen Chancen.

zeo2: Die jüngste Welle der Kritik wurde von »Climategate « und Fehlern im Bericht des Weltklimarates ausgelöst. Eine Forderung lautet: Der IPCC-Vorsitzende Pachauri müsse zurücktreten. Ja oder nein?

Claußen: Ja. Wenn der Tanker auf Grund läuft, muss der Kapitän die Verantwortung tragen, auch wenn der Rudergänger geschlafen hat. Pachauri hat sich politisch ungeschickt verhalten, er hätte offensiv mit den Fehlern umgehen und aktiv auf die Medien zugehen müssen. So konnten die Medien das Ganze hochpuschen. Pachauri steht dafür, Kritik zu dämpfen. Darum sollte er jetzt den Hut nehmen und jemand anderen ranlassen, der auch für einen neuen Aufbruch steht.

Stefan Rahmstorf

Rahmstorf: Pachauri ist in der Tat ziemlich ungeschickt mit den Fehlern umgegangen. Man darf nicht vergessen, dass er 2002 von George W. Bush bewusst als schwacher Vorsitzender des Weltklimarates installiert worden ist – nachdem der vorherige zu effektiv war. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Man muss aber auch sagen: Es gab nur zwei echte Fehler im Bericht des Klimarates, und einer davon war nicht dem IPCC selbst anzulasten. Ich glaube auch nicht, dass man einen mehrtausendseitigen Bericht völlig fehlerfrei produzieren kann.

Claußen: Es waren nicht nur zwei Fehler. Die Dinge liegen tiefer. Beim »Afrika-Gate« hat der IPCC zwar korrekt, aber missverständlich zitiert. Dabei wurde der Forscher Ali Agoumi mit der Äußerung zitiert, es bestehe das Risiko, dass die auf Regen angewiesene landwirtschaftliche Produktion in den nächsten Jahrzehnten in einigen Ländern Afrikas um bis zu 50 Prozent zurückgehen könnte. Der Bericht des Wissenschaftlers bezieht sich tatsächlich aber nur auf Marokko, Algerien und Tunesien. Und wenn man weiterbohrt, sieht man, dass dieser Bericht in einer Reihe eines Instituts für nachhaltige Entwicklung erschienen ist – das war also keine Information aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen, sondern so genannte graue Literatur. Der Bericht selber beruhte auf Daten von staatlichen Behörden in den drei Ländern. Die kann man im Internet einsehen. Im tunesischen Bericht steht zu diesem Thema nichts drin. Und über Algerien stehen nicht 50 Prozent, sondern acht Prozent und dies nur für trockene Jahre! Nur in dem Marokko- Bericht steht die Zahl von 50 Prozent, aber wieder nur für den Rückgang von Getreideerträgen in Trockenjahren. Diese Angabe ist nicht weiter belegt. An solchen Stellen müssen die IPCC-Autoren in Zukunft genauer sein. Dann kommt es auch nicht zu so einem Aufruhr in den Medien.

Rahmstorf: Martin Claußen hat Recht. Der Klimarat schreibt aber auch, dass in einigen afrikanischen Ländern die Erträge steigen dürften. Die Darstellung ist ausgewogen, aber sie beruht wie bei vielen Berichten zu den regionalen Auswirkungen in Entwicklungsländern auf einer dünnen Datenbasis. Man sollte in kommenden Berichten klar unterscheiden, welche Aussagen auf harten wissenschaftlichen Quellen beruhen und welche sich auf graue Literatur stützen.

Brasseur: Wir erleben rund um den Weltklimarat keine wissenschaftliche, sondern eine politische Diskussion. Der Bericht ist auch keine eigene wissenschaftliche Studie, sondern eine Synthese dessen, was in der Literatur existiert. Das wird von vielen hundert Wissenschaftlern zusammengefasst, um einen Überblick zu geben. Und bei jedem der vier IPCC-Berichte sind 50 bis 80 Prozent der beteiligten Wissenschaftler zum ersten Mal dabei. Der Aufwand ist enorm: Zu den Entwürfen von Band 1, den wissenschaftlichen Grundlagen, gab es 30.000 Anmerkungen der Gutachter! Jede einzelne wird gelesen, geprüft und dann mit Begründung aufgenommen oder abgelehnt. Darauf basiert dann auch die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Und von der hat noch niemand gesagt, sie sei falsch. Der Kern unserer Arbeit wird also gar nicht angetastet.

zeo2: Was muss sich beim Bericht des Weltklimarates ändern?

Claußen: Heute werden die drei Berichte gleichzeitig veröffentlicht: Band 1 zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen, Band 2 zu den Folgen und Band 3 zu den Maßnahmen, auf den Klimawandel zu reagieren …

Rahmstorf: Und es wäre besser, wenn man das gestaffelt veröffentlicht: Erst den Stand der Naturwissenschaft, ein oder zwei Jahre später den Band über die »Folgen« des Klimawandels und dann den über mögliche Gegenmaßnahmen. Dann können die Wissenschaftler, die sich die regionalen Folgen ansehen, schon auf den Bericht der Klimawissenschaftler aufbauen.

zeo2: Die Fehler finden sich alle in den Bänden 2 und 3, den Berichten zu den Folgen des Klimawandels und den Anpassungsstrategien. Brasseur: Bei der Arbeitsgruppe für Band 1 bleibt man innerhalb einer Disziplin, die Literatur ist klar umrissen und es ist ziemlich einfach, sie zu bekommen und eine Synthese zu schaffen. Bei den Klimafolgen und den Anpassungsstrategien ist das ganz anders. Viele Informationen kommen nicht aus wissenschaftlich geprüften Zeitschriften. Sondern etwa aus Umweltbehörden wie der EPA in den USA, aber auch von Umweltverbänden. Die Frage ist: Soll man diese Erkenntnisse ignorieren?

zeo2: Nach wissenschaftlichen Kriterien schon.

Brasseur: Man kann sie aber nicht ignorieren, da stecken wichtige Informationen drin. Wenn man die CO2-Emissionen verschiedener Länder sucht, findet man sie eben nicht in den großen Wissenschaftsmagazinen. In Zukunft müssen wir darum offenlegen, woher die einzelnen Zahlen stammen und ob sie plausibel sind.

zeo2: Herr Brasseur, auch innerhalb der Forscherszene gibt es Spannungen; Ihr Hamburger Kollege Hans von Storch spricht von einem abgehobenen »IPCC-Adel«.

Brasseur: Das ist eine politische Reaktion von Herrn von Storch, ich bin Wissenschaftler. Ich rede nicht wie er. Der IPCC-Prozess hat viele gute Seiten. Wie er noch verbessert werden kann, diskutiert im Moment der Interacademy Council (IAC) der nationalen Wissenschafts-Akademien im Auftrag der Vereinten Nationen.

zeo2: Diese Diskussion um Climategate und die Fehler im IPCC-Bericht hat viele Leute verunsichert. Sie wollen wissen: Auf wie viel Grad Erwärmung muss die Welt sich 2050 nun tatsächlich einstellen? Brasseur: Wir wissen sehr genau, dass die Temperatur heute schon 0,7 bis 0,8 Grad höher liegt als um das Jahr 1850. Selbst wenn der CO2-Gehalt der Atmosphäre sich nicht mehr ändert, steigt die Temperatur immer noch ein Zehntel Grad pro Dekade, bis 2050 also um 0,4 Grad. In den verschiedenen Emissionsszenarien ist die Temperaturerhöhung bis zum Jahr 2050 nicht sehr unterschiedlich. Da kommen jede Dekade etwa 0,2 Grad hinzu, also bis 2050 etwa 0,8 Grad zusätzlich. Die Temperatur wird 2050 also mindestens bei 1,5 bis 1,6 Grad höher sein als 1850 zeo2: Und nach 2050?

Rahmstorf: Die künftige Erwärmung hängt nach 2050 vor allem von unseren Treibhausgas- Emissionen ab. Ihr Einfluss auf das Klima ist heute schon zehnmal stärker als die Schwankungen der Sonnenaktivität. Klimaforscher können Ihnen aber nicht sagen, wie die Emissionen ausfallen. Wir sagen nur: Wenn wir diese Emissionen haben, dann landen wir mit der Erwärmung in jenem Temperaturbereich. Der Klimarat sagt auch nicht, welches Szenario am wahrscheinlichsten ist. Ob »B1« mit einer Erwärmung von zwei bis drei Grad am Ende des Jahrhunderts oder »A1FI« mit vier bis sieben Grad. Die Welt kann entscheiden, welche Option sie wählt. Für die 2-Grad-Grenze hat die Wissenschaft detailliert durchgerechnet, dass wir uns noch etwa 700 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen leisten können, wenn wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent unter zwei Grad bleiben wollen.

zeo2: Herr Claußen, Ihre Kollegen am Max-Planck- Institut für Meteorologie sagen, allein durch die Auswirkungen der Wolken auf das Klima gebe es Unsicherheiten von »ein paar Grad«. Das ist enorm viel, angesichts weniger Grad Klimaerwärmung .

Claußen: Es gibt für die Zeit nach 2050 noch große Unsicherheiten. Die Wirkung der von Schichtwolken in der unteren Atmosphäre ist schwierig zu beschreiben. Auch die Bedeutung der Landflächen für den CO2-Haushalt ist nicht völlig geklärt. Aber für die nächsten drei Jahrzehnte sind die Unterschiede in der globalen Erwärmung so klein, dass wir das Klima vermutlich so wie das Wetter vorhersagen können. Daran wird gerade geforscht.

zeo2: Die Vorhersagen zum Anstieg des Meeresspiegels ändern sich hingegen ständig.

Rahmstorf: Die Entwicklung des Meerespiegels ist wesentlich unsicherer als die der Temperatur, die vor allem von der gut untersuchten Energiebilanz der Erde abhängt. Beim Meeresspiegel wird weiter geforscht, wie sich das Abschmelzen des Kontinentaleises auswirken wird. Im IPCC-Bericht von 2007 steht, der Meeresspiegel steige bis 2100 um 18 bis 59 Zentimeter plus ein unbekannter Beitrag der Kontinentaleis-Dynamik. Zuletzt ist der Meeresspiegel viel schneller gestiegen als erwartet. Neuere Studien rechnen eher mit einem Anstieg von einem Meter, bei hohen Emissionen auch mehr.

++++++++++++++ Die Prognosen des Weltklimarats zum Anstieg des Meerespiegels bis etwa 2090 lagen im Jahr 2007 bei 18 bis 59 Zentimetern im Vergleich zu 1990. Nicht berücksichtigt ist dabei das Abschmelzen des Eispanzers in der Antarktis und auf Grönland. Im Report wurde dieser Beitrag auf »null« gesetzt. Um das genauer hinzubekommen, haben sich Forscher wie Rahmstorf und Vermeer sowie eine Gruppe in England angesehen, wie der Meeresspiegel in vergangenen Warmperioden auf die steigenden Temperaturen reagiert hat.  Danach könnte der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 190 Zentimeter steigen. Das wäre der schlimmste Fall. Wahrscheinlicher ist, dass er bei einer Erwärmung um drei Grad etwa einen Meter zulegt. +++++++++

zeo2: Wenn die Unsicherheiten bei Niederschlägen und Meeresspiegel so groß sind, was können wir dann überhaupt über Folgephänomene wie Artenrückgang oder Klimaflüchtlinge sagen?

Claußen: Führen Klimaänderungen zu Kriegen? Hamburger Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass der Zusammenhang zwischen Krieg und Klima sehr subtil ist. Man kannhier keinen einfachen Zusammenhang ableiten. Auch die Aussage, X Grad Erwärmung führt zu X-tausend Flüchtlingen in Nordafrika ist zu einfach. Wir haben eine Wahrscheinlichkeits-Pyramide vor uns: An der Spitze steht das sichere Wissen: Die CO2- Konzentration in der Atmosphäre steigt und das ist auf den Menschen zurückzuführen. Wir sehen, dass die Erde sich erwärmt. Und wir wissen, dass die Treibhausgasemissionen sehr wahrscheinlich zur globalen Erwärmung der letzten Jahrzehnte geführt haben und, dass die Erwärmung weitergeht und sich beschleunigt. Weniger genau wissen wir, wie der Mensch auf die Klimaveränderung reagiert. Das ist eine ganz große Unsicherheit, die dann auch die Temperaturentwicklung in der zweiten Hälfte des kommenden Jahrhunderts beeinflusst.

zeo2: Die chinesische Regierung zeigt sich gerne skeptisch, was die Verantwortung des Menschen für den Klimawandel angeht. Hat der Vertrauensverlust mit zum Fehlschlag von Kopenhagen geführt?

Brasseur: Die Chinesen wollen sich vor allem nicht von anderen Ländern kontrollieren lassen, sie entwickeln lieber ihre eigene Klimapolitik. Ich bin häufig in China und erlebe, dass dort zumindest mehr gemacht wird als in den USA unter George W. Bush. Sie wollen Emissionen reduzieren und kohlendioxid- neutrale Städte bauen. Im Fernsehen wird dort oft gezeigt, dass der Klimawandel ein Problem für China ist. In Peking oder Shanghai sehen sie, dass jedes Jahr alte Fabriken verschwinden und neue gebaut werden. Damit wird die Luft sauberer und die Emissionen sinken. In den Megacities, die sich über ganz Ostchina entwickelt haben, werden diese Änderungen aber Zeit brauchen. Und die Chinesen wollen die Probleme auf ihre eigene Art angehen, ohne Druck von außen.

zeo2: Im Herbst findet die nächste entscheidende Konferenz statt. Bis dahin braucht die Politik wieder eine Entscheidungsbasis. Ist die Klimawissenschaft voll rehabilitiert?

Martin Claußen

Claußen: Die Grundlagen sind sicher genug. Der Mensch verändert das Klima und die Politik muss handeln. Das Zwei-Grad-Ziel selbst ist nicht allein wissenschaftlich zu begründen, das ist eine normative Entscheidung, die im Dialog zwischen Wissenschaft und Politik zu fällen ist. zeo2: Ist das Zwei-Grad-Ziel sinnvoll und haben wir noch eine Chance, es wirklich zu erreichen? Brasseur: Die Zwei-Grad-Marke ist ein politisches Ziel und macht Sinn. Auch wenn einige Leute finden, die Temperatur sei nicht so wichtig wie etwa die kommenden Niederschläge. Aber man die muss die Ziele der Klimapolitik auch für Politiker zu einem sehr einfachen Indikator zusammenbringen.

Rahmstorf: Der erfreulichste Teil von Kopenhagen ist, dass man sich dort zum ersten Mal fast weltweit auf ein gemeinsames Ziel geeinigt hat. Aber man sollte nicht vergessen, dass ein Großteil der am wenigsten entwickelten Staaten und die kleinen Inselstaaten eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad fordern. Das einzuhalten, wird extrem schwer. Dennoch ist es für die kleinen Inselstaaten eine Frage des Überlebens. Viele von ihnen werden wahrscheinlich untergehen, wenn die Erwärmung auf zwei Grad steigt.

zeo2: Hand aufs Herz, glauben Sie noch an das Zwei-Grad-Ziel? Claußen: Da müssen Sie einen Soziologen fragen: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Menschheit sich ändert? Einige Soziologen meinen, es sei wahrscheinlicher, dass die Menschheit sich entweder drastisch ändert oder, dass sie einfach so weitermacht wie bisher. Ein Mittelweg ist eher unwahrscheinlich. Ich weiß es nicht. Vor Kopenhagen habe ich noch gedacht, die Politiker werden so lange pokern, und in den letzten Tagen oder letzten Stunden wird dann ein Ergebnis zustande kommen. Da lag ich total daneben. Zwei Grad ist eine vernünftige Richtmarke, man braucht ein ambitioniertes Ziel. Ob man es erreicht, ist eine andere Frage.

Brasseur: Persönlich glaube ich nicht, dass wir das noch erreichen. Wir blasen heute mehr CO2 in die Atmosphäre, als im Kyoto- Protokoll vereinbart. Das stimmt mich sehr pessimistisch.

zeo2: Was muss bei der kommenden Klimakonferenz in Mexiko herauskommen, um nicht völlig vom Weg abzukommen?

Rahmstorf: Kopenhagen hat gezeigt, dass der UN-Prozess zwar notwendig, aber auch sehr schwer und sehr langwierig ist. Man hat bei internationalen Verhandlungen immer das Problem, dass Länder wie China und die USA sich nur sehr ungern multilateralen Vereinbarungen unterwerfen, vor allem, wenn sie mit Verpflichtungen verbunden sind. Darum können wir nicht drauf warten, dass dieser Prozess zu einem Erfolg kommt, so viel Zeit haben wir nicht mehr. Jeder einzelne Bürger, jedes Unternehmen und jede Nation sollte mit ihren eigenen Klimaschutzanstrengungen voranschreiten.

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