www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 17. May 2012

Die Flossen abschneiden: Interview mit dem Meeresbiologen Boris Worm

Sie bewohnen die Ozeane seit vielen hundert Millionen Jahre. Und haben sich in dieser Zeit mit einer ungeheuren Vielzahl von Formen an ihre Lebensräume angepasst. Doch inzwischen ist ein Drittel aller Haiarten vom Aussterben bedroht.
Der weltbekannte Meeresbiologe Boris Worm von der Dalhousie Universität in Kanada hat schon vor Jahren vor den massiven Folgen der industriellen Fischerei gewarnt. In Interview mit zeo2 spricht er über Finning, Sushi, den globalen Fischkonsum und „quälend langsame“ Fortschritte beim Schutz der Haie.

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von Peter Trechow

zeo2: Herr Worm, Sie haben 2006 in einer Studie das Aussterben vieler Fischarten vorausgesagt…

Worm: …wir haben vor einem Trend gewarnt. Bei vielen Fischarten sind die Bestände auf ein Zehntel des vor-industriellen Niveaus eingebrochen. Das hat gravierende Folgen für das Gleichgewicht der Ökosysteme. Setzt der Trend sich fort, so unsere Aussage, werden viele Arten aussterben.

zeo2: Und, setzt sich der Trend fort?

Worm: In manchen Regionen lässt der Fischereidruck nach. Entweder weil es sich schlicht nicht mehr lohnt, dort zu fischen. Oder weil die Politik endlich mit wissenschaftlich fundierten Fangquoten gegen die Überfischung angeht. Doch das ist noch nicht überall der Fall. Der Druck lässt hier und da nach, bleibt aber insgesamt viel zu hoch.

zeo2: Sie warnen eindringlich vor der Gefährdung der Haie. Warum?

Worm: Anderes als andere Fische legen Haie nicht Millionen Eier. Viele Sorten brauchen so lange wie Menschen zur Geschlechtsreife. Und dann kriegen sie jeweils nur eine Handvoll Junge. Sie haben der Jagd mit 100 Kilometer langen Hakenleinen, an denen zehntausende Haken hängen oder Netzen mit 35.000-Quadratmeter-Öffnungen wenig entgegenzusetzen. Selbst die Flucht in tiefe Gewässer hilft nicht mehr – auch tief unten wird inzwischen intensiv gefischt. Ein Drittel aller Haiarten ist akut vom Aussterben bedroht. Haie sind heute die Gejagten der Weltmeere.

zeo2: Es gibt vielerorts politische Bestrebungen, Haie zu schützen. Auch in der EU. Nehmen Sie das ernst?

Worm: Unbedingt! Australien investiert viel Geld in die Erforschung der Haie, um überhaupt ein Grundlagenwissen darüber zu generieren, welche Arten es gibt, wie groß die Bestände sind und welche Rolle sie in Ökosystemen spielen. Erst wenn solche grundlegenden Fragen geklärt sind, läßt sich über so etwas wie „nachhaltige“ Fangquoten reden. Daneben gibt es Hai-Schutzzonen. Der Pazifik-Staat Palau und die Malediven haben ihr Staatsgebiet inklusive der 200 Meilenzone dazu erklärt. Honduras ist ebenfalls sehr engagiert. Auch der EU-Haiaktionsplan ist zu begrüßen – trotz aller Mängeln, etwa beim lückenhaften Finning-Verbot.

zeo2: Die EU zahlt weiterhin massive Subventionen an Fischer. Passt das mit Haischutz-Aktionsplänen zusammen?

Worm: Nein. Und Fischerei wird weltweit, übrigens gegen den Willen der WTO, subventioniert. In den Netzen subventionierter Flotten enden extrem viele Haie als Beifang. Oft werden ihnen nur die Flossen abgeschnitten, bevor sie lebend zurück ins Meer geworfen werden. Eine unglaubliche Praxis. Es ist ein Unding, dass die Vermarktung von Haiflossen überhaupt noch erlaubt ist. Doch in China und anderen Ländern Asiens gibt es riesige Nachfrage.

zeo2: Auch hierzulande schießen Sushi-Bars wie Pilze aus dem Boden und Hochglanzmagazine empfehlen, mehr Fisch zu essen…

Worm: …der globale Fischkonsum nimmt wenigstens nicht mehr zu. In Asien wenden sich Prominente inzwischen immer öfter öffentlich gehen den Konsum von Haiflossen. Das sind ermutigende Tendenzen. Doch unterm Strich bleibt der Fischereidruck zu hoch – und er lässt nur quälend langsam nach.

zeo2: Gibt es eigentlich einen wirksamen Schutz dagegen, dass Haie, Wale und bedrohte Arten als Beifang in die Netze geraten?

Worm: Es gibt vielversprechende Experimente mit Gittern vor den Öffnungen. Magneten an Langleinen könnten Haie abschrecken. Verschiedene technische Maßnahmen helfen. Man muss sie nur einsetzen wollen. Zentral ist aber auch Kontrolle. Um etwa das Finning zu beenden, müssen gefangene Haie mit ihren Flossen an Land kommen. Das passiert nur, wenn hinreichend kontrolliert wird.

Boris Worm erregte 2006 weltweites Aufsehen mit einer Studie, die den Zusammenbruch der Fischbestände in den Weltmeeren binnen 50 Jahren prognostizierte. Der Grund: Die industrielle Fischerei mache der ökologischen Vielfalt der Ozeane den Garaus. Worm hält darum weltweit Vorträge, um auf die schleichende Katastrophe in den Meeren aufmerksam zu machen. zeo2 traf ihn am Rande der European Shark Week 2010 in Berlin, wo auch für die Initiative von Abgeordneten verschiedener Fraktionen aus Frankreich, Großbritannien, Finnland und Rumänien im Europäischen Parlament (EP) geworben wurde, um die Lücken beim Finning-Verbot zu schließen. Wie auch Worm fordert, soll den Fischern das Abtrennen von Haiflossen an Bord generell verboten werden.

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