www.zeozwei.de - Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft 17. May 2012

Standpunkt: Was die EU bei der Artenschutzkonferenz in Nagoya erreichen will

Im japanischen Nagoya beraten in dieser Woche Vertreter von 192 Staaten, wie der weltweit fortschreitende Verlust der Artenvielfalt zu stoppen ist. Ein Ziel ist ein verbindliches Protokoll gegen Biopiraterie. In seinem Gastbeitrag für zeo2 sagt EU-Umweltkommissar Janez Potočnik, was er vom zehnten Treffen der Vertragsparteien (COP 19, noch bis 28. Oktober) erwartet. Und warnt davor, die Chance des Gipfels verstreichen zu lassen.

Artikel merken & weiterempfehlen:
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • TwitThis
  • Yigg
von EU-Umweltkommissar Janez Potočnik

Das Gipfeltreffen zur biologischen Vielfalt in Nagoya rückt näher, und die Regierungen aller Länder müssen sich fragen: Als was wird dieser Gipfel in Erinnerung bleiben? Als eine weitere verpasste Gelegenheit, wie Kopenhagen? Oder als ein Wendepunkt, an dem die Welt tatsächlich einen neuen Kurs eingeschlagen hat?

Die Zahlen sind beängstigend: Von 1970 bis 2006 ist die Zahl der Wirbeltierarten weltweit um fast ein Drittel zurückgegangen, und jüngsten Berichten der Vereinten Nationen zufolge ist beinahe ein Viertel aller Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Die beanspruchte Biosphäre produziert immer weniger sauberes Wasser und frische Luft, stellt immer weniger gesunde Böden zur Verfügung stellt kann immer weniger zur Regulierung des Klimas beitragen. Der Verlust an biologischer Vielfalt und biologischer Funktionen wird nach wie vor viel zu wenig beachtet.

Vor zehn Jahren gingen 192 Staaten die Verpflichtung ein, den Rückgang der weltweiten biologischen Vielfalt bis 2010 zu verlangsamen. Wir sind damit gescheitert. Diese Zerstörung geht fast unvermindert voran. Aber das kollektive Bewusstsein der Menschheit nimmt das Problem nicht wahr. Zuallererst muss darum in Nagoya dafür gesorgt werden, dass der Menschheit die Bedeutung des Problems bewusst wird. Und dann eine Basis für künftiges Handeln schafft.

Europa ging vor zehn Jahren eine sogar noch weitergehende Verpflichtung ein, als die Verlangsamung des Artensterbens. Europa wollte den Verlust an biologischer Vielfalt gänzlich stoppen. Auch wir haben unser Ziel nicht erreichen können, aber auf dem Weg haben wir vieles gelernt.

Wir werden diese Erfahrungen in die Verhandlungen in Nagoya einbringen, denn wir haben vieles erreicht: Nahezu 18 Prozent der Fläche der Europäischen Union sind bereits zu Naturschutzgebieten des Natura-2000-Netzwerkes erklärt worden. Und das Netzwerk wächst weiter. Unsere Naturschutzvorschriften gehören zu den strengsten der Welt, und wir schützen die Artenvielfalt durch hohe Umweltstandards für Wasser, Luft, Boden und Meere.

Kurz vor Beginn der Tagung sind sich die meisten Parteien darüber einig, was erreicht werden soll. Der Erfolg wird von drei Faktoren abhängen.

  • Zuallererst brauchen wir natürlich ein geeignetes globales Ziel. Wir wissen alle, dass die Geschwindigkeit, mit der die Artenvielfalt abnimmt, unvertretbar ist. Diesem Verlust sollten wir also unbedingt Einhalt gebieten. Ein ehrgeiziges globales Ziel ist jedoch nicht genug – wir brauchen auch einen realistischen strategischen Plan, wie wir dieses erreichen können. Hier versucht die EU, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir haben für das Jahr 2020 neue Ziele im Bereich der biologischen Vielfalt verabschiedet. Die Europäische Union verstärkt ihre Anstrengungen, die Artenvielfalt zu erhalten und ihre nachhaltige Nutzung sicherzustellen. Wir haben uns nicht nur verpflichtet, dem Verlust der biologischen Vielfalt Einhalt zu gebieten, sondern auch dazu, Ökosysteme wo möglich wiederherzustellen und unsere Anstrengungen, den Verlust an biologischer Vielfalt auch weltweit einzudämmen, zu intensivieren.
  • Zweitens würde eine effiziente internationale Regelung, durch die ein gerechter Zugang zu den Vorteilen genetischer Ressourcen gewährleistet wird, auch der weltweiten Artenvielfalt nützen. Ein solches Übereinkommen kann nur dann wirksam sein, wenn es allen Beteiligten Klarheit, Transparenz und Rechtssicherheit garantiert – sowohl denjenigen, die genetische Ressourcen und dazugehörige Informationen zur Verfügung stellen; als auch denjenigen, die diese nutzen. Eine gerechte Lösung, durch die sichergestellt wird, dass zusätzliche Mittel zum Erhalt der biologischen Vielfalt und für ihre nachhaltige Nutzung zur Verfügung gestellt werden und Wissenschaftler überall die Sicherheit haben, die sie brauchen, um ihre Forschungsarbeiten durchführen zu können, die letztendlich allen Völkern zugute kommen werden.

  • Drittens müssen alle Parteien realistisch und konstruktiv an die Sache herangehen. Wir müssen der Zukunft in der Gewissheit entgegensehen können, dass ausreichend wissenschaftliche, personelle und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen, damit die übernommenen Verpflichtungen auch erfüllt werden können.

Auch hier tun wir, was wir können: Die EU ist einer der größten Geldgeber für die biologische Vielfalt. Von 2002 bis 2008 haben wir jedes Jahr weltweit über eine Milliarde US-Dollar für den Erhalt der biologischen Vielfalt zur Verfügung gestellt. Die EU-Mitgliedstaaten haben gerade einen wesentlichen Beitrag zur Auffüllung der Globalen Umweltfazilität geleistet, wovon 1,2 Mrd. US-Dollar für biologische Vielfalt vorgesehen sind. Dies entspricht im Vergleich zur letzten Auffüllung einer Erhöhung von 28 Prozent.

Ich hoffe, dass in Nagoya in allen drei Bereichen Fortschritte erzielt werden, und ich verbürge mich dafür, dass die EU ihr Möglichstes tun wird, um ein erfolgreiches Ergebnis herbeizuführen.

Wir müssen hierbei auch den größeren Zusammenhang betrachten: Denn es ist unbestreitbar, dass die Ökosysteme, die unsere Zivilisation stützen, im Niedergang befinden. Wir müssen die Menschen dafür sensibilisieren, was passiert, wenn dieser Niedergang irreversibel wird. Eine bahnbrechende Studie über „die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität“ (TEEB), die wir gemeinsam mit Deutschland und anderen Partnern finanziert haben. Sie zeigt deutlich, wie wichtig es ist, für die Leistungen der Natur einen Preis festzusetzen. Denn wer könnte den Verlust berechnen, wenn sich der Niedergang fortsetzt? Wer würde die Kosten eines Niedergangs nicht nur der Leistungen, sondern auch der Lebensqualität, die diese Leistungen einst garantierten, berechnen wollen?

Artikel merken & weiterempfehlen:
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • TwitThis
  • Yigg